Partituren
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Taktgefühl
takt1207-2 Dass Enoch zu Guttenberg im idyllisch gelegenen Neubeuern, eine Stunde von München entfernt, eine zweite Heimat gefunden hat, merkt man gleich: an der familiären Atmosphäre im Büro, dessen Wände voll von seinen Auszeichnungen und Urkunden sind. Und am Jagdhund, der mir gemeinsam mit ihm aus dem Arbeitszimmer entgegenkommt. Zum Interview gehen wir ins historische Bauernhaus nebenan, wo ich nachher noch zumMittagessen gebeten werde – zu den besten Weißwürsten meines Lebens.

PARTITUREN Herr zu Guttenberg, die Weihnachtszeit naht, alle schwelgen wieder glückselig im Weihnachtsoratorium. Aber wenn Sie das Werk dirigieren, gibt es immer kontroverse Diskussionen. Mögen Sie es, wenn Ihre Arbeit zum Streit Anlass gibt?

GUTTENBERG Wenn nicht gestritten würde, würde ich etwas falsch machen.

PARTITUREN Dann machen die meisten Kollegen also etwas falsch.

GUTTENBERG Das haben Sie gesagt! Aber es ist schon so, dass sehr viel Glattes, „Undiskutables“ gemacht
wird. Wir leben ja in einer Zeit, in der die großen Inhalte zu Konsumgütern herabgewürdigt werden. Wir lassen uns sogar „Verbraucher“ nennen, ohne uns zu schämen. Der Umweltminister ist gleichzeitig ein Verbraucherminister. Ohne zu begreifen, was in diesem Wort steckt – ein Umweltminister müsste vor Verbrauchern schützen, nicht die Verbraucher.

PARTITUREN Sind nicht das Weihnachtsoratorium und die Matthäuspassion historisch gesehen Verbrauchskunst?

GUTTENBERG So würde ich das nicht sagen. Die Matthäuspassion ist das grandioseste Bekenntnis, das ich kenne.

PARTITUREN Sie wurde für einen Anlass komponiert, dann einmal oder zweimal gespielt, dann wurde das nächste Stück geschrieben ...

GUTTENBERG Das spricht doch für das, was ich sage. Diese Musik ist um des Inhalts willen gemacht worden, nicht um beliebig aufgeführt zu werden. Ich halte es für falsch, sie nur zu hören, weil sie schön ist. Dasselbe Problem habe ich im Museum: Wenn 17 Kreuzigungen nebeneinander hängen, werden sie zu etwas degradiert, wofür sie nicht gemacht sind. Ein Riemenschneider-Altar ist erst einmal ein Bekenntnis. Oder vielleicht eine Auseinandersetzung. Denken Sie an das Verdi-Requiem: Das ist nicht schön und glatt und italianità. Das ist so spannend, weil sich da ein Atheist mit seinem alten Glauben auseinandersetzt. Man kann die ganze Zerrissenheit dieses Menschen in der Partitur lesen. Ich möchte mich in den Dienst dessen stellen, der das komponiert hat. Deswegen versuche ich, die Menschen dazu zu bringen, sich mit den Inhalten der Musik auseinander zu setzen. Ein Weihnachtsoratorium, eine dritte oder fünfte Symphonie von Beethoven nur als schöne Musik zu empfinden, ist falsch. Eine Bruckner-Symphonie zu machen, ohne das Psychogramm dieses Komponisten, das in jeweils unterschiedlicher Weise in seinen Werken zu finden ist, den Menschen nahezubringen, ist ein Fehler. Das ist meine Auffassung, und die reizt natürlich zum Streit.

PARTITUREN Ist denn nicht für jeden klar, dass das Weihnachtsoratorium oder die Matthäuspassion eine Botschaft mitzuteilen haben?

GUTTENBERG Das denken Sie, und das glaube auch ich. Aber es gibt berühmte Dirigenten, denen das egal
ist. Die sagen: Was soll dieses Inhaltsgerede, Musik ist eine objektive Kunst – der Inhalt interessiert mich
nicht. Aber was ist denn der Auftrag einer Sakralmusik? Der Inhalt! Was ist der Auftrag der Eroica? Im ersten
Satz soll die Euphorie über Napoleon erzählt werden, im zweiten geht es um das Zerbrechen an dieser Figur,
im dritten versucht Beethoven vergeblich, das ganze wegzuwischen, im vierten Satz baut er sich seine
heile Welt eben selbst auf. Wenn man dieses Programm begriffen hat, kann man es doch auch seinem Publikum
vorstellen. Man wird immer hämisch belacht, wenn man sagt: Musik ist Botschaftsträger. Aber das ist sie nun
mal. Die große Musik jedenfalls. Es gibt natürlich Werke, bei denen das nicht so ist. Mir macht es wahnsinnig
Spaß, Strauß-Walzer zu dirigieren. Da habe ich auch diesen Anspruch nicht – die will ich brillant und ganz
toll machen. Bei der Schönen blauen Donau geht es nicht um etwas Wichtiges, es ist einfach ein Geschenk,
dass es so einen brillanten Walzer gibt. Aber eine Bruckner-, Beethoven- oder Mahler-Symphonie möchte ich nicht als ein Museumsstück verstehen. Ich will das transportieren, was den Komponisten dazu bewogen
hat, das zu schreiben. Und das soll den heutigen Menschen treffen. Ihn anregen, die Welt in diesem Moment
durch diese Brille zu sehen. Damit haben Sie gewiss einen Gewinn, weil sich der eigene Horizont erweitert.

PARTITUREN Wenn es um die Botschaft geht, wäre der richtige Aufführungsort fürs Weihnachtsoratorium dann nicht die Kirche?

GUTTENBERG Das wird mir oft gesagt. Aber ich glaube, wenn es gelingt, in einem Konzertsaal die Zuhörer durch die Interpretation der Musik so zu packen, dass sie sich mit der Sache auseinandersetzen, vielleicht so betroffen sind, dass sie nicht applaudieren oder dass sie in der Garderobe ihren Hut verwechseln, dann hat man das Richtige erreicht. In der Atmosphäre einer Kirche ist das nicht so schwer. Wir müssen uns darum bemühen, dass die Stücke in dem Moment, in dem sie erklingen, ihrem Auftrag nahe kommen.

PARTITUREN Wie würden Sie denn die Botschaft des Weihnachtsoratoriums beschreiben?

GUTTENBERG Das Weihnachtsoratorium erzählt die Geschichte der Verkündigung und Geburt Jesu – wie immer bei Bach in einer ungeheuren theologischen Auseinandersetzung. Die ersten drei Kantaten beschreiben noch mehr das Geschehen, aber dann geht es nur noch um Theologie. Und vor allem immer wieder um den Tod. Schon in der ersten Kantate erklingt der erste Choral Wie soll ich Dich empfangen auf die Melodie von O Haupt voll Blut und Wunden. Und im letzten Choral ist diese Musik wieder zu hören – das kann ja kein Zufall sein. Ich habe zu Hause ein Kreuz aus der Bachzeit, da steht auf dem Sockel des Kreuzes eine Krippe mit Maria und Josef. Und aus dieser Krippe wächst das Kreuz heraus. Die schöne Weihnachtsgeschichte endet
am Kreuz. Wenn man sich das vor Augen führt, wird man so sehr von der Weihnachtsseligkeit weggeführt – das
muss man auch so dirigieren. Denken Sie nur an die sechste Kantate, wo der schönste aller Choräle Bachs kommt: Ich steh an Deiner Krippen hier. Diesen Choral hat Dietrich Bonhoeffer aus der Gestapohaft in seinem Brief an seine Kinder behandelt. Das kommt für mich nicht von ungefähr – die Kraft, die in so einem Choral steckt, ist so groß, dass sich einer im Angesicht des Todes darauf berufen kann.

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Das Gespräch führ te ARNT COBBERS.
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