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Essay
Virtuoser Womanizer - Der unbekannte Beethoven

Ein elegant gekleideter junger Mann im Frack mit modischer Kurzhaarfrisur – so begegnete Ludwig van Beethoven 1802 dem Kopenhagener Maler Christian Hornemann, der ihn in dieser Elfenbeinminiatur porträtierte.

von Klemens Hippiel

Genial und griesgrämig, merkwürdig und nicht ganz von dieser Welt ist Beethoven in unserer Vorstellung. Vor allem aber: alt und taub. Dabei ist Ludwig van Beethoven gar nicht alt geworden – und als er mit 56 Jahren starb, war er auch „erst“ seit knapp zehn Jahren vollständig taub. Trotzdem ist es dieser „alte“ Beethoven, der unser Bild bestimmt. Ein Mann, der von der Polizei als Landstreicher festgenommen worden sein soll, der abwechselnd summend und brüllend durch Wien lief. Ein einsamer, durch seine zahlreichen ebenso unglücklichen wie aussichtslosen Schwärmereien für unerreichbare Frauen verbitterter Misanthrop. Ein Mann, den sein Freund und Biograph Schindler so beschreibt: „Sein Kopf ungewöhnlich groß, mit langem, struppigem, fast ganz grauem Haare bewachsen, das nicht selten vernachlässigt um seinen Kopf hing, und ihm ein etwas verwildertes Aussehen gab“.

Povero Musico?

Doch da ist noch ein anderer Mann. Der, von dem Grillparzer berichtet: „Er war damals noch mager, schwarz, und war, gegen seine spätere Gewohnheit, höchst elegant gekleidet.“ Ein Mann, der großen Erfolg hatte bei den Frauen. „In Wien war Beethoven, wenigstens solange ich da lebte, immer in Liebesverhältnissen und hatte mitunter Eroberungen gemacht, die manchem Adonis, wo nicht unmöglich, doch sehr schwer geworden wären“, schreibt Beethovens Jugendfreund Franz Gerhard Wegeler. Der Mann, der 1804 an einen Maler schrieb: „Ich bitte Sie recht sehr sobald als sie mein Portrait genug gebraucht haben, mir es sodann wieder zuzustellen ... – ich habe das Portrait einer fremden Dame, die dasselbe bei mir sahe, versprochen ... Wer kann solchen reizenden Anforderungen widerstehen.“ Und der noch 1812 in einem Brief betont: „Ich bin ein armer österreichischer Musikant – povero Musico! (Jedoch nicht im Kastratensinn)“.
Voller solcher Widersprüche ist das Material, das sich in und über Beethovens Leben angesammelt hat. Aus allein 1.770 Briefen, seinem Tagebuch, 137 (von ursprünglich 400) Konversationsheften, mit denen der ertaubte Komponist mit seinen Besuchern kommunizierte, dazu unzähligen Berichten und Einschätzungen von Zeitgenossen kann sich jeder „seinen“ Beethoven aussuchen. Den seine Freiheit und Unabhängigkeit so sehr Liebenden – der dennoch ziemlich scharf auf Titel und Stellung eines kaiserlichen Hofkapellmeisters ist. Den cholerischen, kompromisslosen Eigenbrötler – der aber sein von Jugend an aufbrausendes Wesen als Fehler einschätzte: „sag ihr, daß ich noch zuweilen einen raptus han“, lässt er 1801 Maria Helene von Breuning mitteilen, die in Bonn nach dem Tode seiner Mutter so etwas wie seine Ersatzmutter geworden war. Der ohne hinreichende Schulbildung schon an den einfachsten Rechenaufgaben Scheiternde, der Platon und Kant liest und sein „Heiligenstädter Testament“ an Goethes Werther anlehnt.

Mit so vieler Leichtigkeit exequirt


Schon mit seinem Geburtsjahr fangen die Probleme an – 1772, nicht 1770, sei er geboren, nahm Beethoven selbst viele Jahre an. Sogar der Taufschein, den er 1810 anforderte, konnte ihn zunächst nicht von dieser Überzeugung abbringen. (Andererseits: Als er 1802 sein „Heiligenstädter Testament“ verfasste, dachte er, er sei 28!) Einenüberzeugenden Grund dafür, dass Beethoven sich für jünger hielt, als er war, konnte die Wissenschaft bis heute nicht liefern. ...mehr im Heft!
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