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Notenbild 15 Ein kanonischer Brief
Beethovens Scherzkanon „O Tobias“

Sehr Bester! Als ich gestern auf dem Weege nach vien mich im wagen befand, überfi el mich der schlaf ...“ Beethovens Brief, den er von Baden bei Wien am 10. September 1821 an den Verleger Tobias Haslinger schrieb, beginnt wie ein Märchen. Anschließend schildert Beethoven blumig, was ihm während des Schlafens träumte: Er sei in den Orient gereist, von Syrien nach Indien und Arabien, und schließlich nach Jerusalem gekommen. Dort sei ihm der biblische Name Tobias und der Kanon mit den Worten „O Tobias! Dominus Haslinger“ eingefallen, den er einstimmig notierte („in der ober 8ve verschlossen“). Die Erinnerung habe er allerdings mit dem Aufwachen verloren. Als er jedoch auf dem Rückweg dieselbe Strecke in wachem Zustand zurücklegte, sei ihm „gemäß dem Gesez der IdeenAssociation“die Melodie wieder in den Sinn gekommen, die er als dreistimmigen Kanon „offen mit einer 3ten Stimme“ festhält: Die beiden Außenstimmen sind kanonisch in der Oktave geführt, die freie dritte Stimme befi ndet sich als Tenor in der Mitte.
Tobias Haslinger war oft Ziel für Beethovens freundliche Spötteleien, ebenso wie Sigmund Anton Steiner, der Inhaber des gleichnamigen Verlags, dessen Angestellter Haslinger 1821 noch war. Beethoven liebte Wortspiele. Freunde zog er häufi g mit scherzhaften Briefen oder Notenscherzen auf. Schon in der Schilderung der Entstehungsgeschichte dieses Kanons (Werk ohne Opuszahl 182) ist die Ironie unüberhörbar. Beethovens Kreativität für die Verballhornung von Namen war schier unerschöpfl ich. So kündigt er Haslinger an, auch etwas auf dessen Patron Steiner zu schreiben, um zu beweisen, dass dieser „kein Steinernes Herz hat“. Auch den Berufsstand des Adressaten pfl egte Beethoven aufs Korn zu nehmen: „wir wünschen allzeit, daß ihr dem Nahmen verleger nie entsprecht, u. nie in Verlegenheit seyd, sonder[n] Verleger, welche nie Verlegen sind weder im Einnehmen noch ausgeben“.
Die abschließenden Ermahnungen, Haslinger möge an das Wohl seiner Seele denken, waren zwischen beiden ein gängiger Scherz und taucht als Thema häufi g in ihrer Korrespondenz auf. Sicherlich lag das an der freiheitlichen Geisteshaltung, die beide miteinander verband. Vielleicht waren die Empfehlungen auch eine Anspielung auf die Geschäftsadresse, die immer wieder Anlass zum Spott gab: Die Musikalienhandlung lag in der Paternostergasse. Beethovens Handschrift ist bekannt für ihre schwere Lesbarkeit. An seinen Autographen lassen sich oft Stimmungen, in Briefen auch die Art der Beziehung zum Adressaten erkennen. Geschäftsbriefe sind vergleichsweise ordentlich geschrieben, Notizen für Freunde dagegen oft wenig sorgfältig. Der Brief an Haslinger macht indessen den Eindruck, als habe sich Beethoven für das Schreiben Zeit genommen: Die Zeilen laufen gleichmäßig, die Seitenaufteilung ist recht gelungen und es gibt nahezu keine Korrekturen – ein Indiz dafür, dass die Niederschrift des Kanons keineswegs ein spontaner Geistesblitz war. Das belegen auch diverse Skizzen, die sich unter solchen zur Missa solemnis befinden.
Dem Verlag Steiner war Beethoven übrigens keineswegs „allzeit mit gröstem Vergnügen von Ewigkeit zu Ewigkeit Euer treuster Schuldner“, wie er in seiner Schlussfloskel versprach. Ein Jahr später zerbrach die Beziehung. Mit Tobias Haslinger aber, der 1826 den Verlag übernahm, verband Beethoven bis an sein Lebensende eine herzliche Freundschaft. Das abgebildete Doppelblatt mit seinen vier beschriebenen Seiten befi ndet sich seit 1913 im Archiv des Beethoven-Hauses Bonn.

JULIA RONGE ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Archiv des Beethoven-Hauses Bonn.
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