Goethe, die Geliebte und andere Geheimnisse - Beethoven in den böhmischen Bädern
Nur selten verließ Beethoven Wien und seine Umgebung. Wenn doch, erlebte er meist Spannendes. Wie im nordböhmischen Kurbad Teplitz, das er zweimal besuchte: 1811 und 1812. Eine Spurensuche in Tschechien.
von Arnt Cobbers
Früher säumten verdächtig viele allein stehende Damen die Straßenränder, wenn man vom Kamm des Erzgebirges hinabfuhr. Heute – liegt’s nur am eisigen Januar? – ist niemand zu sehen. Zwölf Kilometer sind es von der Grenzstation Zinnwald hinab bis Teplice. Von der hochgelegten Schnellstraße, die fast die Altstadt schneidet, geht es vorbei an trostlosen Fassaden ins Zentrum. Die Ruinen von Athen heißt eines der Werke, die Beethoven hier schrieb. Heute böten sich als Sujet näher gelegene Ruinen an. Ein grauer Winterhimmel lastet über der 50.000-Einwohner-Stadt. Am Hauptplatz sind einzelne Fassaden saniert, hinter zwei Kurven kommt ein mächtiger Theaterbau aus den 20er Jahren in Sicht – das „Erzgebirgische Theater“, an dem der später legendäre Met-Direktor Rudolf Bing einst die Opernsparte leitete. Vorbei am „Kaiserbad“, einem prächtigen Fin de Siècle-Bau, dann plötzlich erscheint wie eine Insel zwischen entlaubten Grünanlagen eine Gruppe stattlicher klassizistischer Häuser in bunten Farben: das „Kurhaus Beethoven“. Nebenan ragen die Türme zweier Kirchen und das Schloss auf, und plötzlich ist es richtig schön hier.
„Beethoven hat hier gewohnt“, antwortet der junge Portier auf meine Frage, was denn das Haus mit dem Komponisten zu tun habe. „Er hat hier sogar eine Symphonie geschrieben.“ Welche weiß er nicht, aber er weiß, in welchem Zimmer der Meister übernachtet hat: 147. – Kann man das besichtigen? – „Leider nein, aber das sieht genauso aus wie Ihres.“ Mein Erstaunen ist groß: sozialistischer, fast heimeliger 80er-Jahre-Chic mit Waschbecken im Zimmer und nummeriertem Kleinbild-TV. Auf fünf deutsche Programme folgen vier arabische, dann tschechische und russische Sender. Ein Spiegel des Publikums, nur die Araber fehlen im Januar.
Das älteste Kurviertel der Stadt hat man zu einem Komplex zusammengefasst und modern ergänzt, hinter den verschiedenen Fassaden erstrecken sich lange, einförmige Gänge. Die Tür zum Zimmer 147 lässt vermuten, dass es drinnen wirklich aussieht wie bei mir. Den Unterschied macht allein die Gedenktafel an der Wand: „Hier wohnte und wirkte bei seinem Aufenthalt im Jahre 1811 Ludwig van Beethoven“, steht dort in Tschechich und Deutsch. Im Erdgeschoss dieses Hauses „Zur Sonne“, von außen proper saniert, lädt das „Restaurant Beethoven“ zu internationaler Küche. Auf Knödel freut man sich vergeblich, und aus den Lautsprechern tönt nicht heroische Symphonik, sondern Opern-Schmonzetten à la Boccelli. Dafür erzählt die Speisekarte die Geschichte der beiden Aufenthalte des Meisters in Teplitz.
1811 reiste er zum ersten Mal an, um seine Leiden zu lindern. Immer wieder litt er an Unterleibskoliken, klagte über Darmbeschwerden und vor allem sein Gehörleiden. „Meine Ohren, die sausen und Brausen tag und Nacht fort; ich kann sagen, ich bringe mein Leben elend zu, seit 2 Jahren fast meide ich alle gesellschaften,“ schreibt er 1801 in einem Brief. Und 1810 heißt es: „Ich wäre vielleicht einer der Glücklichsten Menschen, wenn nicht der Dämon in meinen Ohren seinen Aufenthalt aufgeschlagen. Hätte ich nicht irgendwo gelesen, der Mensch dörfe nicht freywillig scheiden von seinem Leben, so lange er noch eine gute That verrichten kann, längst wär ich nicht mehr – und zwar durch mich selbst ...“ Zudem plagten ihn damals starke Dauerkopfschmerzen, sodass er schließlich dem Rat seines Arztes folgte und auf Kur ging. Welchen Anteil die Musikwelt an Beethovens Leben nahm – und dass man schon damals anfällig für Klatsch und Tratsch war –, zeigt eine Notiz in der Allgemeinen musikalischen Zeitung vom 30. Januar 1811: „Wie man sagt, dürfte Hr. van Beethoven künftiges Frühjahr eine Reise nach Italien unternehmen, um seine Gesundheit, welche seit Jahren sehr angegriffen war, unter dem südlichen Himmel wieder herzustellen.“ Doch es kam anders. Mit dem Finanzpatent vom März 1811 wertete der kriegsgebeutelte österreichische Staat seine Währung radikal ab, die 4.000 Gulden, die seine Gönner Beethoven 1809 als jährliche Rente ausgesetzt hatten, waren plötzlich nicht mal mehr die Hälfte wert. Vermutlich deshalb steuerte er statt des Mittelmeers nun Nordböhmen an.
In seinem Nachlass fand man Christoph Hufelands, des berühmten Mediziners Praktische Übersicht der vorzüglichsten Heilquellen Teutschlands nach eigenen Erfahrungen, und was Beethoven da las, muss ihn förmlich angelockt haben: „Hier haben noch Kranke ihr Heil gefunden, die schon ein halbes Leben vergebens nach Hülfe geschmachtet hatten, und an denen alle Mittel der Kunst erschöpft worden waren; und wenn von irgend einem Bade gilt: ‚Die Lahmen gehen, die Tauben hören, die Blinden werden sehend’, so gilt es von diesem. [...] Nicht nur von den Lähmungen der äußern Bewegungsorgane, sondern auch der Sinneswerkzeuge, z. E. Taubheiten, sind mir herrliche Beweise seiner Wirksamkeit vorgekommen.“
Bar jeder VernunftZudem lockte die Stadt mit ansehnlichem Kulturleben und illustren Gästen. Unter den Adligen und allen anderen, die es sich leisten konnte, wurde es Mode, den Sommer nicht mehr in der Umgebung auf dem Lande zu verbringen, sondern zur Kur zu fahren – in jene Orte, in denen sich die „große Welt“ nun traf: Baden-Baden und Gastein, Karlsbad und Wiesbaden, Heiligendamm, Ems oder eben Teplitz. Dessen Stadtherr, Fürst Clary-Aldringen, hatte den 2.300- Einwohner-Ort nach dem großen Brand von 1793 prächtig wiederaufbauen lassen. Im auch der Stadtbevölkerung offenen Schlosstheater spielte man Voltaire, Molière und Schiller, für musikalische Unterhaltung war ebenso gesorgt. Binnen weniger Jahre wurde Teplitz zu einem Tummelplatz der Reichen und Schönen, der Künstler, Dichter und Denker.
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