Frischer Wind im NordenBis vor wenigen Jahren war alles in Hamburg noch schön überschaubar. Es gab eine Oper, wenige hundert Meter entfernt einen prächtigen Konzertsaal, drei große Orchester und einen übermächtigen privaten Klassik-Konzertveranstalter. Solides Mittelmaß, mal mehr, mal weniger. Das alles kannte man, daran wurde, wenn überhaupt, nur zaghaft gerüttelt oder justiert, um überregional bekannter zu werden. Diese Zeiten sind endgültig vorbei. Die gesamte Klassik-Szene, ach was, die gesamte Kultur-Szene hat sich selbst unter Druck gesetzt und auf den Prüfstand gestellt. Zwei Zauberworte sind schuld, sie machen seit einiger Zeit die Runde, sorgen für konzeptionelle Verwirrung und lokalpatriotischen Ehrgeiz, für Grabenkämpfe und offiziell propagierte Aufbruchstimmung Richtung Weltniveau:
Elbphilharmonie. Musikmetropole.
Erstere wird im Eiltempo gebaut, letztere wird benötigt und ersehnt, damit erstere nicht nur beeindruckende Hülle ist, sondern auch Inhalte bekommt. Damit das spektakuläre Konzerthaus mit seiner gläsernen Wellenform auf einem alten Speicher in der flott durchdesignten HafenCity am Elbufer künstlerische Perspektiven bieten kann, die nach der Zeit der Anfangseuphorie unverzichtbar sein werden.
Glorreiche VergangenheitUm verstehen zu können, was einen Teil der Hamburger derart mit Macht umtreibt, alle Vorzeichen zu ändern, muss man weit in die Musikgeschichte dieser Stadt zurückgehen. Die erste Bürgeroper auf deutschem Boden nahm 1678 am Gänsemarkt ihren Spielbetrieb auf. Georg Philipp Telemann und Carl Philipp Emanuel Bach wirkten in Hamburg, es gab berühmte Orgeln von Arp Schnitger und anderen. Brahms und Mendelssohn wurden hier geboren. Gustav Mahler brachte die Oper als Dirigent auf Vordermann, Rolf Liebermann nach dem Zweiten Weltkrieg als Intendant. Man war immer stolz auf das musikalische Angebot und ließ sich diesen Stolz auch etwas kosten. Allerdings zunächst in aller Regel privates Geld; waren Gönner großzügig in Vorkasse getreten, bewegte sich irgendwann auch die Stadt.
Das war bei der Oper so, und erst recht bei der Laeiszhalle, die dieses Jahr ihren 100. Geburtstag feiern kann. Hier kam die Anschubfinanzierung von einem reichen Reeder, dessen Witwe dafür sorgte, dass Hamburg neben dem Conventgarten einen zweiten Saal für nichts anderes als klassische Konzerte erhielt. Der Conventgarten wurde 1943 ein Opfer des Bombardements, die Laeiszhalle ist der einzige Saal Deutschlands, der den Weltkrieg unversehrt überstanden hat. Was für Hamburg zur Folge hatte, dass alles und jeder nur dort auftreten konnte und wollte. Kleinere Orchester, Laienensembles, Dia-Vorträge – wer einen Termin wollte und bezahlte, bekam ihn zugeteilt. Es gab bis 2005 keinerlei Subventionen für eigene Programme des strukturell überforderten, aber chronisch unterförderten Hauses. Es gab auch keinen Intendanten. Die Konzertkasse im städtischen Haus wird nach wie vor von einem privatwirtschaftlichen Konkurrenten betrieben. Derzeitige Subvention für eigene Konzerte: 35.000 Euro. Pro Saison. Unglaublich? Wahr. Unglaublich, aber wahr ist auch, dass Hamburg über viele Brahmsiana-Schätze in Archiven verfügt, aber nicht über ein Museum, das dem Rang des Hamburger Ehrenbürgers angemessen wäre. Es gibt lediglich eine sehr um didaktische Vollständigkeit bemühte Brahms-Gedenkstätte in der Peterstraße 39. Dort werden vor allem liebevoll aufbereitete Repliken gezeigt. Zu mehr reicht das Geld der Ehrenamtlichen nicht. Telemann-Fans geht es noch schlechter – deren Initiative, im Nebenhaus eine kleine Sammlung über Leben und Werk des berühmten Hamburger Musikdirektors zu präsentieren, scheiterte am Unwillen der Kulturbehörde, sich mit einigen Tausend Euro zu beteiligen, und liegt nun auf Eis, bis vielleicht doch noch ein großzügiger Sponsor gefunden wird. Auch das ist Hamburg im Jahre 2 vor der Elbphilharmonie.
Rendezvous der StarsDie drei großen Orchester NDR, Philharmoniker und Symphoniker haben in der Laeiszhalle ihre Abo-Reihen. Marktbeherrschend ist seit Jahrzehnten die private Konzertdirektion Dr. Goette mit ihren „Pro Arte“-Abenden, in denen sehr konventionelle Programme von sehr großen Namen (Stammgäste sind Alfred Brendel, Cecilia Bartoli oder Anne-Sophie Mutter) zu mitunter tränentreibenden Höchstpreisen zu hören sind. Da kann ein dreistelliger Ticketpreis auch mal mit einer 2 beginnen. Seit kurzem hat der Berliner Entertainment-Konzern DEAG einen Ableger namens „River Concerts“ in Hamburg, die unter dem Namen „Elbklassik“ und zu Dumping-Eintrittspreisen schnittige Mainstream-Stars wie gerade den Tenor Jonas Kaufmann anbieten wollen. Im Kleinen Saal der Laeiszhalle finden nicht nur traditionsbewusste Streichquartett-Abende der „Hamburgischen Vereinigung von Freunden der Kammermusik“ statt, dort versucht auch das Ensemble Resonanz, neuem, jüngerem Publikum mit einer Mischung aus Klassikern und Avantgarde die Ohren zu öffnen.
Auch bei den Premieren in der Staatsoper liegt die Betonung vor allem auf dem Hören. Bei der Wahl ihrer Regisseure griff Opernchefin Simone Young sehr oft daneben. Bieder-buntes Bebildern und aufgewärmte Regie-Einkäufe dämpften das Vergnügen an der musikalischen Qualität des aktuellen Strauss-Schwerpunkts. Für die Extraportion Prestige soll nun bis 2010 der neue Hamburger Ring sorgen, inszeniert von Claus Guth.
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