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Hildegard von Bingen und ihre Zeit - Die Entdeckung der Liebe
Wo sie plötzlich herkam, die Begeisterung für die Liebe, weiß keiner so genau. Wahrscheinlich war es die Begegnung mit den Mauren und ihrer Kultur, die einige Herren rund um den Herzog Wilhelm IX. von Aquitanien (1086 – 1127) dazu bewogen, die Vorzüge verehrter Damen in Liedern zu besingen und sich lustvoll nach ihnen zu verzehren. So wurde die Kunst der Troubadoure (nordfranzösisch: Trouvères, deutsch: Minnesänger) geboren, die sich von Poitiers aus rasch über Europa ausbreitete. Ob König oder Spielmann, sogar einige weibliche Troubadoure zogen durchs Land und besangen den Zauber der Liebe. Beinahe gleichzeitig entdeckten auch die Theologen und Philosophen die Macht der Liebe. Autoren wie Petrus Abaelard (1079 – 1142) oder Bernhard von Clairvaux (um 1090 – 1153) rückten die Liebe ins Zentrum der Theologie. Durch die Liebe sei der Mensch erlöst worden, lehrt Abaelard. Und Bernhard beschreibt die Seele als Braut und Christus als Bräutigam. In den Mittelpunkt der Verehrung gelangt dabei die Jungfrau Maria. So ähnlich wurden sich die Huldigung an die heilige Jungfrau bzw. die angebeteten Hofdamen, dass sich die Wissenschaft nicht einig ist, ob nun die zunehmende Marienverehrung eine Übernahme aus der weltlichen Dichtung der Troubadoure ist oder umgekehrt die Dichter aus der religiösen Verehrung Mariens schöpften. Wie dem auch sei: Die Liebe ist das gemeinsame Thema der ersten weltlichen Literatur des Mittelalters und des geistlichen Schrifttums der Zeit. Nicht, dass hier nur ein ästhetisches Vergnügen am Gegenstand im Gange war. Ganz handfeste Interessen beförderten den neuen Frauenkult. Als „Methode zur Bändigung der jugendlichen Rauf- und Streitlust“ beschreibt der französische Historiker Georges Duby die „Rituale der höfischen Liebe“. Der Herr habe seine Dame als Lockmittel benutzt, sie als Preis in einem Spiel ausgesetzt, „dessen immer diffiziler werdende Regeln von den Beteiligten eine immer stärkere Kontrolle ihrer Triebregungen verlangte“. Die Musik spielt dabei eine zentrale Rolle. Denn die höfischen Dichter der Minne pflegten ihre Gedichte nicht zu lesen, sondern vielmehr gesungen und begleitet von Instrumenten vorzutragen. Und dass die Theo-logen sich beim Lob Gottes der Musi bedienen, ist sowieso klar. Vielleicht nicht gerade beim Philosophen Abaelard oder dem Kreuzzugsprediger Bernhard. Dafür aber bei einer, die als Einzige aus dieser Zeit heute noch von vielen gelesen und gehört wird: Hildegard von Bingen (1098 – 1179).
Im Feuerbrand der Liebe Man mag nicht unbedingt wissen, in welches Jahrhundert sie gehört, aber ihren Namen kennt jeder. Sie ist in so vielerlei Hinsicht einzigartig – die für Jahrhunderte einzige Frau, der das Predigen erlaubt war. Eine Heilige, obwohl ihre Kanonisierung niemals abgeschlossen wurde. Eine vom Papst anerkannte Visionärin. Und ganz nebenbei die einzige bedeutende mittelalterliche Komponistin. „Komponiert“ in unserem Sinne hat sie allerdings nicht – sondern in Visionen offenbarte Klänge vermutlich ihrem Sekretär vorgesungen, der sie dann aufschrieb. Dabei entstand ein einzigartiges Kompendium von insgesamt 77 einstimmigen, geistlichen Kompositionen, die immer wieder um das Thema der Liebe kreisen. Ob „Liebesglut“ oder „Feuerbrand der Liebe“, Christus wird „in himmlischer Liebe umfangen“, nachdem „die liebende Lust und ihre so süße Frucht verlassen“ wurde. Dass diese Liebe zu Gott musikalischen Ausdruck findet, hat bei Hildegard einen interessanten Grund, den sie in einem Brief an die Mainzer Prälaten formulierte. Die hatten ihr Kloster mit einem Interdikt belegt, sodass die Schwestern ihr Gebet nur mehr rezitierend, nicht mehr singend verrichten durften. Eine Gemeinheit, wie Hildegard fand. Denn der Mensch habe „auf Gottes Eingebung hin zu singen begonnen“. Deshalb suche der Teufel „den Lobpreis Gottes und die Schönheit der geistlichen Lieder nicht nur durch böse Einflüsterungen, unreine Gedanken und vielerlei Zerstreuungen aus dem Herzen der Menschen, sondern auch durch Zwietracht, Ärgernisse oder ungerechte Unterdrückungen aus dem Munde der Kirche in Disharmonie zu bringen und zu verbannen.“ So interessant Hildegards musikalisches Werk ist – eine Rezeption hat erst im 20. Jahrhundert stattgefunden. Zu ihrer Zeit war ihr Ruf zwar bis ins ferne Paris vorgedrungen – ihre Musik hat aber nicht einmal in ihrem eigenen Kloster Folgen gehabt. Und weil ihr Werk so einzigartig ist, ist auch seine Einschätzung schwierig. Mancher hält Hildegard für einen „Satie des 12. Jahrhunderts“ (Jürg Stenzl), ihre Musik für die Arbeit eines Amateurs. Andere erkennen einen persönlichen, avantgardistischen Stil. Dem Laien kann das freilich egal sein, denn er wird die „Andersartigkeit“ der Hildegard‘schen Gesänge gar nicht wahrnehmen können. Nur die Kenntnis des Gregoria-nischen Chorals erlaubt es, die Abweichungen bei Hildegard von Bingen wahrzunehmen: den extrem großen Tonumfang von über zweieinhalb Oktaven noch am ehesten. Kaum aber ihre abweichende Behandlung der Kirchentonarten und ihrer Gesetzmäßigkeiten.
Freiheit für die Bräute Christi Nein, was heute noch an Hildegard fasziniert, ist eher der Kontext dieser Musik. Schließlich haben wir es hier mit der einzigen weiblichen Stimme weit und breit zu tun. Und ihre Person und ihr Werk sind für moderne Inszenierungen perfekt geeignet. Eine Nonne, deren Schwestern in weißen Gewändern mit offenem Haar das Gotteslob singen. Obwohl in der Bibel geschrieben steht, dass die Frauen sich nicht mit Haargeflecht, Gold, Perlen oder kostbarem Gewand schmücken sollen. Doch die zeitgenössische Kritik an ihrem Verhalten entkräfte die Seherin mit dem Argument, das alles gelte nicht für die Jungfrau. Die solle sich „dem Hohepriester nahen wie ein Gott geweihtes Brandopfer. Deshalb steht es der Jungfrau zu, ein leuchtend weißes Gewand anzulegen“. Und spätestens wenn in ihrem Mysterienspiel ordo virtutum unter all den Frauen ein einziger Mann auftaucht, der den Teufel (der natürlich nicht singen, sondern nur krächzen kann) darzustellen hat, ist die frühe Feministin gefunden. Doch Vorsicht: Alles was Hildegard an Rechten für Frauen einfordert, bezieht sich nur auf die Bräute Christi ... Als eine solche war sie selbst mit 14 ins Kloster Disibodenberg (bei Bingen) gezogen. Der Überlieferung nach wurde Hildegard dort buchstäblich eingeschlossen bei einem beerdigungsähnlichen Ritual. Ob sie auf eigenen Wunsch dorthin ging, ist nicht überliefert. Aber wen hätte das auch gekümmert? „Ein wenig schlechter noch als den Afghaninnen unter den Taliban“ ist es den Frauen im Mittelalter gegangen, schreibt der neapolitanische Philosoph Luciano de Crescenzo. Und dass das noch lange so blieb, trotz aller Begeisterung der Männer für die Liebe, daran hat auch Hildegard von Bingen nichts ändern können.
KLEMENS HIPPEL
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