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Der Rebell
Partituren 17 Rebell Wie Münchhausen auf der Kanonenkugel - Der Dirigent GUSTAV KUHN

Er wurde vom Karajan-Favoriten zum Aussteiger aus der Klassik-Industrie – und hat jetzt sein eigenes Festival, eine eigene Ausbildungsstätte und ein eigenes Label. Wer nach Querdenkern unter den Klassik-Stars sucht, stößt unweigerlich auf Gustav Kuhn. Zum Interview empfängt mich der Dirigent sehr vergnügt im Garten seines Hauses im Tiroler Erl.

Herr Kuhn, wir nehmen unsere Mozart-Ausgabe zum Anlass, über die Rebellen, Außenseiter und Querdenker der Klassikszene nachzudenken. Sie zählen spätestens seit der öffentlichen „Watschen“, die Sie 1985 Ihrem Intendanten in Bonn verpasst haben, dazu. Das war doch keine spontane Reaktion, sondern eine geplante Provokation, oder?
Ja, das habe ich immer zugegeben, nachdem ich den Prozess gewonnen hatte. Ich habe sogar geübt mit meiner damaligen Frau, dass es gut klingt, aber nicht weh tut. Das war eine politische Sache. Ich kam gerade aus Stuttgart von einem Ring mit Ponnelle zurück nach Bonn und bekomme zu hören: „Herr Kuhn, wir wollen ja das Museum bauen, und Bonn wird Kulturhauptstadt für die nächsten tausend Jahre – da haben sich so kleine Änderungen ergeben: Statt der Meistersinger machen wir Die Entführung aus dem Serail – also nur kleine Änderungen. Und Ihre Amerikatournee geht auch nicht, aber das stört Sie ja hoffentlich nicht.“ Ich kann normalerweise gut schlafen, sogar vor meinem Elektra-Debüt in Wien ging das, aber da hatte ich doch Probleme. Und dann rief mich ein Kollege von Ihnen an und sagte: Sie sind doch Österreicher – Sie sollten dem eine Watschen geben. Und irgendwann hat meine Frau das auch gesagt. Dann habe ich gedacht: Eigentlich eine tolle Idee.

Hatten Sie je Anlass, diese Aktion zu wiederholen?
Viele, aber das wäre zu billig. Ich hasse es schon als Regisseur, zweimal dasselbe zu machen. Das ist zu primitiv. Aber die schönste Geschichte ist eigentlich eine andere: Ich bin ja nicht wegen der Ohrfeige entlassen worden, sondern wegen des Spiegel- Interviews danach. Das kam am Montag raus, und am Dienstag rief mich jemand vom Israel Philharmonic an und fragte: Herr Kuhn, könnten Sie für Jimmy Levine auf einer Sechs-Wochen- Tournee einspringen? Ich habe geantwortet: Ich fühle mich geehrt, aber wie kommen Sie darauf, dass ich jetzt sechs Wochen Zeit habe? Da sagt er: Wir haben gestern den Spiegel gelesen und dachten, da müssten Sie jetzt frei sein.

Sehen Sie sich eigentlich selbst als Außenseiter in der Branche?
Ich sehe mich als einen logisch denkenden Menschen – und wäre sehr froh, wenn alle Menschen meiner ganz simplen Logik folgen könnten und das mitmachen würden, was für die Menschen gut ist. Sie können mir nicht erklären, dass es sinnvoll ist, in einer Generalprobe der Götterdämmerung 30 Sekunden vor dem Ende die Instrumente fallen zu lassen und die Probe abzubrechen, wie es in San Francisco passiert ist. Das geht nicht! Wenn ein Dirigent seelisch schon so abgestumpft ist, dass er das aushält, dann dirigiert er auch schwach. Sie müssen doch alles, was Sie an Persönlichkeit haben, zusammennehmen und in die Musik übertragen. So wie der Komponist das auch gemacht hat. Sie können mir das nicht als normalen Akt hinstellen. Das ist unmenschlich, auch wenn es gewerkschaftlich abgesichert ist. Also muss ich ein Orchester schaffen, das so etwas nie tun würde. Das für die Musik eintritt und gemeinsam mit dem Dirigenten für die Musik brennt. Bin ich da ein Querdenker? Ich bin doch ein Normaldenker!

Wenn Sie Ihren eigenen Werdegang ansehen vom Karajan-Protegé zum Aussteiger aus der Klassik-Industrie – der ist jedenfalls nicht „normal“. Wie ist das gekommen?
Ich hatte das Glück, Karajan kennen zu lernen, während ich versuchte, den Beruf des Dirigenten zu erlernen. Und ehe ich mich versah, hatte ich eine irrsinnig schnelle Karriere gemacht und war plötzlich eingespannt in ein internationales System. Ich hatte eine Frau und zwei Kinder, und meine amerikanische Agentur schrieb mir vor, dass ich jetzt in Chicago leben sollte, sie hatten schon meinen Sechs- Jahres-Vertrag als Chefdirigent des Chicagoer Opernhauses ausgehandelt. „You have to do this“. Das fand ich nicht komisch.

Glauben Sie, ein Lang Lang könnte heute seinen eigenen Weg gehen und sagen: Ich mache das so, wie ich will?
Nein, gerade so eine Karriere wird gemacht. Das ging mir ja auch so: Meine Riesenkarriere war nur möglich mit Karajan dahinter und Columbia Artists und der EMI. Ich saß wie auf einer Mondrakete und las in der Times, ich sei in der Mozart-Interpretation das größte Genie seit Fritz Busch – das war unglaublich. Und dann hat mich ein Journalist mal gefragt: Herr Kuhn, warum, glauben Sie, haben Sie diesen Erfolg? Und ich habe geantwortet: Weil ich so toll bin. Da hat er die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und zu seiner Frau gesagt: Du, der glaubt das wirklich! Ich habe das damals überhaupt nicht verstanden. Ich habe diese Mechanismen nicht begriffen. Und dann bin ich sehr bewusst ausgestiegen, weil ich mir wie Münchhausen auf der Kanonenkugel vorgekommen bin. Der wird irgendwohin geschossen und kann nicht sagen: Weiter rechts! oder: Mehr nach links! Ich wollte lieber der Kanonier sein. Wobei ich zugeben muss, ein paar Leute haben mich seitdem gefragt: Du bist doch damals ausgestiegen und dir gehts so gut – soll ich das auch machen? Da sag ich immer: Nein, um Gottes Willen. Wenn ich geahnt hätte, was meine Agentur weltweit abzieht, wenn ich dort aussteige, hätte ich das nie so gemacht. Ich habe gedacht: Die haben eh so viele Dirigenten, die werden schon nicht traurig sein. Stattdessen haben sie mich über Jahre verfolgt.

Wo ist heute Ihre Kompromisslinie?
Ich werde oft gefragt: Was machen Sie, wenn ein Sponsor etwas verlangt? Das kommt nie vor. Gut, in Italien ist es schon vorgekommen – dann muss ich immer lachen, gehe hin und sage: Herr Minister, Sie haben eine reizende Freundin, aber bei mir singt die nicht. Das geht dann so oder so aus. Das ist immer eine Entscheidung, die man von Fall zu Fall trifft: So, jetzt reichts mir. Wenn ich weiß, dass ich mein Orchester verliere, wenn ich nicht zum Empfang des Bürgermeisters gehe, dann muss ich halt hin. Aber künstlerische Kompromisse mache ich nicht. Deswegen bin ich ja meinen eigenen Weg gegangen. Der Mortier hat mal zu mir gesagt: Gustav, so wie du dir das Leben vorstellst, bitte mach dein eigenes Festival. Dieses Kuhn‘sche Sturkunstkonzept ist auch für jemanden wie ihn nicht zu ertragen.

Es gibt heute alle möglichen Nischen – der eine hat hier seine Spezialität, der andere da. Haben Sie vielleicht auch eine?
... des Wahnsinnigen? (lacht) Die Nische des Rebellen. Das ist gut. Das hat mich noch keiner gefragt.

Mein Kollege Jan Brachmann glaubt, dass die wahren Unangepassten unbekannt bleiben – und dass das „Rebellentum“ heute vor allem ein Werbegag sei.
Naja, mit dem „nicht bekannt sein“ hat er bei Kuhn Recht. Aber die Frage ist ja auch, ob Sie angepasst sein können. Ich glaube nicht, dass der Gulda wirklich gern unangepasst war. Aber angepasst ist er wahnsinnig geworden. Es hat ja damit begonnen, dass er in der ersten Reihe keinen Silber-, Gold-, und Diamantschmuck mehr sehen wollte, der über 2.000 Mark kostet. Dann kam das Publikum mit Glasketten, aber davon hat ihm das Klavier spielen auch nicht mehr Spaß gemacht. Das ging dann weiter, bis er nackt mit der Flöte dasaß und schlecht Flöte spielte, obwohl er so ein wunderbarer Pianist war. Aber wenn er gekonnt hätte? Ich habe früher immer gedacht: Diese angepassten Hunde sind so Widerlinge. Dabei ist das gar nicht so dramatisch. Die finden einfach gut, was sie machen. Glauben Sie mir das.

Wie viel Prozent der Erfolgreichen im Musikbusiness sind denn angepasst?
Die Erfolgreichsten sind jedenfalls perfekt angepasst. Viel schlimmer ist aber, dass heute so viel Mittelklassiges total angepasst ist. Gerade bei den Pianisten. Klavier spielen können ja heute wirklich ein paar tausend Leute, das technische Niveau ist unglaublich. Also kann es nur noch um die musikalische Aussagekraft gehen. Aber wenn ich am Klavier nichts erzähle und nur Noten spiele, das ist doch grauenhaft. Dieser nicht-singende Klavierklang ... Ich weiß nicht, warum die Kunst des Singens am Klavier verschwunden ist. Auf alten Aufnahmen hört man sie. Bei Edwin Fischer. Oder Kempff: Wenn der Beethoven spielt, da singt und klingt es, das ist eine aufregende Welt mit unglaublich vielen verschiedenen Eindrücken. Und dann hören Sie sich einen sehr berühmten und hoch geschätzten Pianisten von heute an. Letztlich auch von mir hoch geschätzt, weil er ja so hoch geschätzt wird. Die gleiche Sonate, ein bisschen schneller, vielleicht drei Noten richtiger, aber sonst: Nichts. Da ist kein Geist, keine Idee dahinter.

Das Gespräch führte KLEMENS HIPPEL.
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