Wie Münchhausen auf der Kanonenkugel - Der Dirigent GUSTAV KUHN
Er wurde vom Karajan-Favoriten zum
Aussteiger aus der Klassik-Industrie
– und hat jetzt sein eigenes Festival,
eine eigene Ausbildungsstätte und
ein eigenes Label. Wer nach Querdenkern
unter den Klassik-Stars
sucht, stößt unweigerlich auf Gustav
Kuhn. Zum Interview empfängt mich
der Dirigent sehr vergnügt im Garten
seines Hauses im Tiroler Erl.
Herr Kuhn, wir nehmen unsere Mozart-Ausgabe zum Anlass, über die Rebellen,
Außenseiter und Querdenker der
Klassikszene nachzudenken. Sie zählen
spätestens seit der öffentlichen „Watschen“,
die Sie 1985 Ihrem Intendanten
in Bonn verpasst haben, dazu. Das war
doch keine spontane Reaktion, sondern
eine geplante Provokation, oder?
Ja, das habe ich immer zugegeben,
nachdem ich den Prozess gewonnen
hatte. Ich habe sogar geübt mit
meiner damaligen Frau, dass es gut
klingt, aber nicht weh tut. Das war
eine politische Sache. Ich kam gerade
aus Stuttgart von einem Ring mit Ponnelle
zurück nach Bonn und bekomme
zu hören: „Herr Kuhn, wir wollen
ja das Museum bauen, und Bonn
wird Kulturhauptstadt für die nächsten
tausend Jahre – da haben sich so
kleine Änderungen ergeben: Statt der
Meistersinger machen wir Die Entführung
aus dem Serail – also nur kleine
Änderungen. Und Ihre Amerikatournee
geht auch nicht, aber das stört Sie
ja hoffentlich nicht.“ Ich kann normalerweise
gut schlafen, sogar vor meinem
Elektra-Debüt in Wien ging das,
aber da hatte ich doch Probleme. Und
dann rief mich ein Kollege von Ihnen an und sagte: Sie sind doch Österreicher
– Sie sollten dem eine Watschen
geben. Und irgendwann hat meine
Frau das auch gesagt. Dann habe ich
gedacht: Eigentlich eine tolle Idee.
Hatten Sie je Anlass, diese Aktion zu
wiederholen?
Viele, aber das wäre zu billig. Ich
hasse es schon als Regisseur, zweimal
dasselbe zu machen. Das ist zu
primitiv. Aber die schönste Geschichte
ist eigentlich eine andere: Ich bin ja
nicht wegen der Ohrfeige entlassen
worden, sondern wegen des Spiegel-
Interviews danach. Das kam am Montag
raus, und am Dienstag rief mich
jemand vom Israel Philharmonic an
und fragte: Herr Kuhn, könnten Sie
für Jimmy Levine auf einer Sechs-Wochen-
Tournee einspringen? Ich habe
geantwortet: Ich fühle mich geehrt,
aber wie kommen Sie darauf, dass ich
jetzt sechs Wochen Zeit habe? Da sagt
er: Wir haben gestern den Spiegel
gelesen und dachten, da müssten Sie
jetzt frei sein.
Sehen Sie sich eigentlich selbst als
Außenseiter in der Branche?
Ich sehe mich als einen logisch denkenden
Menschen – und wäre sehr
froh, wenn alle Menschen meiner
ganz simplen Logik folgen könnten
und das mitmachen würden, was für
die Menschen gut ist. Sie können mir
nicht erklären, dass es sinnvoll ist, in
einer Generalprobe der Götterdämmerung 30 Sekunden vor dem Ende
die Instrumente fallen zu lassen und
die Probe abzubrechen, wie es in San
Francisco passiert ist. Das geht nicht!
Wenn ein Dirigent seelisch schon so
abgestumpft ist, dass er das aushält,
dann dirigiert er auch schwach. Sie
müssen doch alles, was Sie an Persönlichkeit
haben, zusammennehmen
und in die Musik übertragen. So wie
der Komponist das auch gemacht hat.
Sie können mir das nicht als normalen
Akt hinstellen. Das ist unmenschlich,
auch wenn es gewerkschaftlich
abgesichert ist. Also muss ich ein
Orchester schaffen, das so etwas nie
tun würde. Das für die Musik eintritt
und gemeinsam mit dem Dirigenten
für die Musik brennt. Bin ich da ein
Querdenker? Ich bin doch ein Normaldenker!
Wenn Sie Ihren eigenen Werdegang
ansehen vom Karajan-Protegé zum Aussteiger
aus der Klassik-Industrie – der
ist jedenfalls nicht „normal“. Wie ist das
gekommen?
Ich hatte das Glück, Karajan kennen
zu lernen, während ich versuchte, den
Beruf des Dirigenten zu erlernen. Und
ehe ich mich versah, hatte ich eine
irrsinnig schnelle Karriere gemacht
und war plötzlich eingespannt in ein
internationales System. Ich hatte eine
Frau und zwei Kinder, und meine
amerikanische Agentur schrieb mir
vor, dass ich jetzt in Chicago leben sollte, sie hatten schon meinen Sechs-
Jahres-Vertrag als Chefdirigent des
Chicagoer Opernhauses ausgehandelt.
„You have to do this“. Das fand
ich nicht komisch.
Glauben Sie, ein Lang Lang könnte
heute seinen eigenen Weg gehen und
sagen: Ich mache das so, wie ich will?Nein, gerade so eine Karriere wird gemacht.
Das ging mir ja auch so: Meine
Riesenkarriere war nur möglich
mit Karajan dahinter und Columbia
Artists und der EMI. Ich saß wie auf
einer Mondrakete und las in der Times,
ich sei in der Mozart-Interpretation
das größte Genie seit Fritz Busch
– das war unglaublich. Und dann hat
mich ein Journalist mal gefragt: Herr
Kuhn, warum, glauben Sie, haben Sie
diesen Erfolg? Und ich habe geantwortet:
Weil ich so toll bin. Da hat
er die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen
und zu seiner Frau
gesagt: Du, der glaubt das wirklich!
Ich habe das damals überhaupt nicht
verstanden. Ich habe diese Mechanismen
nicht begriffen. Und dann bin ich
sehr bewusst ausgestiegen, weil ich
mir wie Münchhausen auf der Kanonenkugel
vorgekommen bin. Der wird
irgendwohin geschossen und kann
nicht sagen: Weiter rechts! oder: Mehr
nach links! Ich wollte lieber der Kanonier
sein. Wobei ich zugeben muss,
ein paar Leute haben mich seitdem
gefragt: Du bist doch damals ausgestiegen
und dir gehts so gut – soll ich
das auch machen? Da sag ich immer:
Nein, um Gottes Willen. Wenn ich
geahnt hätte, was meine Agentur
weltweit abzieht, wenn ich dort aussteige,
hätte ich das nie so gemacht.
Ich habe gedacht: Die haben eh so
viele Dirigenten, die werden schon
nicht traurig sein. Stattdessen haben
sie mich über Jahre verfolgt.
Wo ist heute Ihre Kompromisslinie?Ich werde oft gefragt: Was machen
Sie, wenn ein Sponsor etwas verlangt?
Das kommt nie vor. Gut, in Italien ist es schon vorgekommen – dann muss
ich immer lachen, gehe hin und sage:
Herr Minister, Sie haben eine reizende
Freundin, aber bei mir singt die
nicht. Das geht dann so oder so aus.
Das ist immer eine Entscheidung, die
man von Fall zu Fall trifft: So, jetzt
reichts mir. Wenn ich weiß, dass ich
mein Orchester verliere, wenn ich
nicht zum Empfang des Bürgermeisters
gehe, dann muss ich halt hin.
Aber künstlerische Kompromisse
mache ich nicht. Deswegen bin ich ja
meinen eigenen Weg gegangen. Der
Mortier hat mal zu mir gesagt: Gustav,
so wie du dir das Leben vorstellst,
bitte mach dein eigenes Festival. Dieses
Kuhn‘sche Sturkunstkonzept ist
auch für jemanden wie ihn nicht zu
ertragen.
Es gibt heute alle möglichen Nischen
– der eine hat hier seine Spezialität,
der andere da. Haben Sie vielleicht
auch eine?
... des Wahnsinnigen? (lacht) Die Nische
des Rebellen. Das ist gut. Das hat
mich noch keiner gefragt.
Mein Kollege Jan Brachmann glaubt,
dass die wahren Unangepassten unbekannt
bleiben – und dass das „Rebellentum“
heute vor allem ein Werbegag sei.
Naja, mit dem „nicht bekannt sein“ hat
er bei Kuhn Recht. Aber die Frage ist
ja auch, ob Sie angepasst sein können.
Ich glaube nicht, dass der Gulda wirklich
gern unangepasst war. Aber angepasst
ist er wahnsinnig geworden. Es
hat ja damit begonnen, dass er in der
ersten Reihe keinen Silber-, Gold-, und
Diamantschmuck mehr sehen wollte,
der über 2.000 Mark kostet. Dann kam
das Publikum mit Glasketten, aber
davon hat ihm das Klavier spielen auch
nicht mehr Spaß gemacht. Das ging
dann weiter, bis er nackt mit der Flöte
dasaß und schlecht Flöte spielte, obwohl
er so ein wunderbarer Pianist war.
Aber wenn er gekonnt hätte? Ich habe
früher immer gedacht: Diese angepassten
Hunde sind so Widerlinge. Dabei
ist das gar nicht so dramatisch. Die
finden einfach gut, was sie machen.
Glauben Sie mir das.
Wie viel Prozent der Erfolgreichen im
Musikbusiness sind denn angepasst?
Die Erfolgreichsten sind jedenfalls
perfekt angepasst. Viel schlimmer ist
aber, dass heute so viel Mittelklassiges
total angepasst ist. Gerade bei den
Pianisten. Klavier spielen können ja
heute wirklich ein paar tausend Leute,
das technische Niveau ist unglaublich.
Also kann es nur noch um die musikalische
Aussagekraft gehen. Aber wenn
ich am Klavier nichts erzähle und nur
Noten spiele, das ist doch grauenhaft.
Dieser nicht-singende Klavierklang ...
Ich weiß nicht, warum die Kunst des
Singens am Klavier verschwunden ist.
Auf alten Aufnahmen hört man sie. Bei
Edwin Fischer. Oder Kempff: Wenn
der Beethoven spielt, da singt und
klingt es, das ist eine aufregende Welt
mit unglaublich vielen verschiedenen
Eindrücken. Und dann hören Sie
sich einen sehr berühmten und hoch
geschätzten Pianisten von heute an.
Letztlich auch von mir hoch geschätzt,
weil er ja so hoch geschätzt wird. Die
gleiche Sonate, ein bisschen schneller,
vielleicht drei Noten richtiger, aber
sonst: Nichts. Da ist kein Geist, keine
Idee dahinter.
Das Gespräch führte KLEMENS HIPPEL.