Partituren
Das Magazin für klassische Musik
 Suche 
 
Heftvorschau
Liebe Leserin, lieber Leser,
bestellen Sie hier die Vorschau von Partituren bequem per Newsletter:
E-Mail
Ruhrgebiet klassisch
Partituren 17 Bartoli Bartoli unter Stahlträgern

von STEFAN KEIM

Philharmonie ist was, wo man Musik macht und so.“ Merve kennt sich aus. Die Grundschülerin aus Essen-Katernberg, einer typischen Bergarbeitersiedlung des Ruhrgebiets, war schon mehrmals im Konzertsaal. Im Rahmen eines Schulprojekts der Philharmonie. Klassik im Ruhrgebiet – das bedeutet Musikvermittlung auch in Gegenden, in denen man kaum Publikum vermuten würde. In Katernberg leben viele Menschen mit Migrationshintergrund und von Hartz IV.
Die soziale Frage stellt sich im Ruhrgebiet dringender als anderswo. Die Arbeitslosenzahlen sind hoch, manche Vororte wirken wie Ghettos. Gleichzeitig werden zwischen Duisburg und Dortmund neue Konzerthäuser gebaut oder vorhandene renoviert. Kultur ist die Zukunft der ehemaligen Malocherregion. Es gibt kaum eine still gelegte Zeche, in der nicht wenigstens ein Streichquartett gespielt hätte. Die anarchische Entdeckungsphase dieser ungewöhnlichen Spielorte ist längst vorbei. Die 2002 gegründete RuhrTriennale, ein spartenübergreifendes Sommer-Festival, dessen künstlerische Leitung alle drei Jahre wechselt, hat einige zentrale Industriedenkmale schick herrichten lassen und dabei den Charme der Rostromantik bewahrt. Heute singen Cecilia Bartoli oder Edita Gruberova in der Bochumer Jahrhunderthalle, einem gewaltigen Bau, in dem die Stahlträger zu herrschen scheinen, nicht die Menschen. Doch wenn Musik die Halle erfüllt, definiert sie die Räume neu. Das vergangene Industriezeitalter geht eine seltsame Symbiose ein mit den von Menschen produzierten Klängen.
Jeder Veranstalter von Hochkultur kämpft im Ruhrgebiet an zwei Fronten. Er muss Spitzenqualität bieten, denn immer noch schauen Vertreter der etablierten Musikmetropolen Berlin, Hamburg, München, manchmal sogar die Kölner sehr kritisch auf das Ruhrgebiet. Das Arbeiterimage klebt an der Region, auch wenn die wenigsten Bewohner noch einen Kohleflöz von Nahem gesehen haben. Auf der anderen Seite müssen Philharmonien, Orchester und Theater Leute ansprechen, die sich niemals einen Beethoven-Zyklus anhören werden. Das Gefühl, da vergnügt sich eine elitäre Oberschicht auf Kosten des Steuerzahlers, darf nicht aufkommen. In fast allen Städten haben Theater, Orchester und Konzerthäuser damit zu kämpfen, dass Populisten aller Parteien die Frage stellen, was denn wichtiger sei, ein Stadtteil- Kindergarten oder eine voll besetzte Streichergruppe im Orchester. Da kommt man schnell in Argumentationsnöte beim Hinweis, dass man in kleiner Besetzung keine Mahler-Symphonie mehr aufführen kann.
Lange Zeit gab es in der Region überhaupt keinen Raum, der den akustischen Qualitätsansprüchen internationaler Spitzenorchester standhalten konnte. Heute gibt es zwei: Die Essener Philharmonie hat gerade ihre vierte Spielzeit beendet, sie ist der schönste, größte, repräsentativste Konzertsaal des Ruhrgebiets. Etwas älter ist das Konzerthaus Dortmund, im Zentrum der Stadt, was Vor- und Nachteile birgt. Diese „Philharmonie für Westfalen“ ist mitten drin im städtischen Leben und setzt mit CD-Laden und Gastronomie einen Kontrapunkt zur Imbiss-Fressmeile drum herum. Aber der Bau wirkt auch ziemlich gequetscht, es gibt wenig Toiletten, bei voll besetztem Haus bilden sich Schlangen vor den Ausgängen. Die Essener Philharmonie dagegen liegt in einem kleinen Park in direkter Nachbarschaft zum Aalto-Musiktheater. Hier konnte man großzügiger, heller, offener bauen. Und das Programm ist um Längen anspruchsvoller als in Dortmund. Es gab ein Schönberg-Festival, in das viele Orchester der Region eingebunden waren, und eine Serie mit Beethovens Orchesterwerken auf historischen Instrumenten. Allein die Residenzkünstler der kommenden Spielzeit zeigen, dass Intendant Michael Kaufmann auf Qualität setzt, nicht auf Quotenbringer: Wolfgang Rihm, Jazztrompeter Dave Douglas, Cellist Heinrich Schiff, der auch eine Meisterklasse für Studierende der Folkwang- Hochschule gibt. Dazu kommen das Ensemble Wien-Berlin und die Cappella Coloniensis mit Bruno Weil, die sich in drei Konzerten der ersten Englandreise Joseph Haydns widmen werden.

...mehr im Heft!
Aktuelle Ausgabe
Ausgabe 18

Schwerpunkt: Gebt gute Musik!
Bestellen
Bestellen Sie Einzelausgaben der Zeitschrift Partituren zum Preis von 9,00 ¤.
  © 2009 partituren.org Druckansicht