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PROPHETEN des Kicks
Partituren 17 Titel Gegen den Strom zu schwimmen war schon immer ein Privileg der Künstler. Schaut man sich die aktuellen Stars der Klassikszene an, wimmelt es da nur so von Exoten, Tabubrechern, Unangepassten. Paradiesische Zeiten also für musikalische Querdenker? Schön wär’s!

Außenseiter sind preisverdächtig. Im Jahr 2007 gewann beim Festival „Achtung Berlin“ der Spielfilm Preußisch Gangstar von Irma-Kinga Stelmach und Bartosz Werner den Wettbewerb, weil er sich – so die Jury – von anderen Filmen „vor allem in seiner Volt-Zahl“ unterscheide. „Hier ist absoluter Starkstrom zugange! Wir lernen eine Generation kennen, die sich normalerweise unseren Blicken entzieht. Für die Jury der modernste und schonungsloseste Film, nicht nur auf diesem Festival!!!“ Die Schonungslosigkeit und Modernität, die hier Begeisterung auslöste, macht der Film fest am Alltag jugendlicher Rapper im märkischen Buckow. Sie koksen, saufen, schlagen andern die Schädel ein und singen – wenn man es denn „singen“ nennen will – Texte wie diese: „Du schwimmst gegen den Strom voller Neider und Zweifler. Beiß dich da durch wie ein weißer Hai“. Und schon in der ersten Zeile heißt es: „Du hast es satt. Diese verkackten Regeln und Grenzen. Es steigert deinen Hass.“
Genau. Außenseiter schwimmen gegen den Strom, brechen Regeln, überschreiten Grenzen. Im zivilen Leben würden wir sie hinter Gitter bringen, in der Kunst versorgen wir sie mit Fördergeldern. Nichts ist in der Kunst so angepasst wie der Außenseiter. Das hat lange Tradition. Künstler – Außenseiter der Gesellschaft hieß ein Buch von Rudolf und Margot Wittkower, das 1963 zum ersten Mal erschien, und zwar unter seinem amerikanischen Originaltitel Born under Saturn. Die beiden angesehenen Kunsthistoriker trugen darin Beobachtungen zusammen, dass Künstler von ihrer Mit- und Nachwelt häufig mit der Aura das Besonderen versehen wurden und man ihnen das Ausleben von Neigungen gestattete, die bei jedem anderen Bürger als gemeingefährlich gegolten hätten. Die moralische Freizügigkeit sah man schon in der Renaissance als notwendige Bedingung außergewöhnlicher Kreativität an. Die öffentliche Meinung hat Michelangelo weder aus seiner Männerliebe einen Strick gedreht, noch legte sie Richard Wagner oder Franz Liszt deren Frauenverschleiß zur Last. Lediglich Liszts Ex-Schwiegersohn Hans von Bülow, durch Wagner zum gehörnten Ehemann geworden, lästerte über seinen einstigen Schwiegervater im Priesterkostüm, der sei ihm äußerlich zu sehr, innerlich zu wenig Abbé.
Der Titel Born under Saturn spielt allerdings auf mehr an. Der Planet Saturn war den Astrologen Auslöser der Melancholie. Und seit der Antike gehörte es zur Mythologie der Kreativität, sich selbst als Melancholiker und Außenseiter zu stilisieren. Wer mit seiner Seele aus der Welt gerissen wurde, sieht Dinge, auf die kein „Innenseiter“ stößt. Außenseitertum gilt als Zeichen der Berufung. Auch der Apostel Paulus schreibt im Galaterbrief, er sei von seiner Mutter Leibe an ausgesondert und berufen.
Man darf das nicht vorschnell als Bedeutungsblähsucht jener, die sonst nichts zu sagen haben, abtun. Soziologen und Psychologen kennen die geistige Produktivität einer Abweichung von der Mehrheitsgesellschaft. „Soziale Dissonanz“ ist der Fachausdruck dafür. Körperliche Behinderung, Zugehörigkeit zu wenig geschätzten Religionen oder Volksgruppen, schwere Krankheiten, als anstößig empfundene sexuelle Vorlieben – das bewirkt ein Nachdenken über alles, was dem Rest der Welt als selbstverständlich vorkommt. Diese Dissonanzen sind begabungsfördernd, schaffen einen Denkvorsprung, sorgen für frühzeitige Reflexion von Wahrnehmungsmustern. Und sie verleiten die Begabten dazu, den Grund ihrer Begabung nicht in der Dissonanz, sondern allein in der eigenen genetisch-kulturellen Ausstattung zu sehen. Man durchschaut das leicht an Vladimir Horowitz’ Bemerkung, er kenne nur drei Arten von Pianisten: jüdische Pianisten, schwule Pianisten und schlechte Pianisten.

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