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200 Jahre Gewandhaus-Quartett
Gewandhaus Quartett TEXT KLEMENS HIPPEL

Es spielte mit Brahms und Clara Schumann, mit Grieg und Mendelssohn. Es durfte Beethoven uraufführen. Doch seine größte Leistung ist wohl, dass es immer noch existiert. Das Gewandhaus- Quartett ist das älteste Streichquartett der Welt – und in den 200 Jahren seiner einzigartigen Geschichte wirkten fast 200 Musiker in ihm.
Mancher würde diese Tradition eher als Last empfinden – die heutigen Mitglieder sind stattdessen stolz auf ihre Vorgänger. Auf Ferdinand David (1810 – 1873), der unter Mendelssohn Konzertmeister war. Oder Joseph Joachim (1831 – 1907), der Brahms’ Violinkonzert uraufführte. „Maßgeblich ist“, so erklärt ihr Nachfolger Frank-Michael Erben, „was man mit der Tradition anstellt. Man kann darin verkrusten oder versuchen, das Beste zu erhalten und zu kultivieren und Neues hinzuzufügen. Jede Formation muss ihren eigenen Weg finden. Nicht alles anders machen, um sich zu unterscheiden, sondern sich in einer Tradition wohlfühlen und die dann mit einer eigenen persönlichen Note versehen.“
Ein wichtiger Aspekt dieser Tradition ist die Klangphilosophie des Quartetts. Seit Mendelssohn 1843 das Leipziger Konservatorium gründete, haben die meisten Mitglieder des Ensembles ihre Ausbildung dort genossen oder dort unterrichtet. Die besten Spieler des Gewandhausorchesters waren zugleich Lehrer des Konservatoriums und bildeten den eigenen Nachwuchs aus. Auch in der aktuellen Formation stammen alle Mitglieder aus dieser Leipziger Streicherschule. Eine Tradition, die abzubrechen droht – das Gewandhausorchester hat immer mehr Schwierigkeiten, seinen Nachwuchs aus der Leipziger Hochschule zu bekommen, wie Erben erklärt: „Die Pädagogen kommen nicht nur aus anderen Traditionen, sondern haben vor allem oft gar keine Orchestererfahrung. Es sind Solisten, und das ist ein großes Problem: Wenn der Lehrer nicht weiß, wie eine Brahms- oder Schumann-Symphonie gespielt wird und nur über die Sololiteratur Bescheid weiß, brechen seine Schüler im Vorspiel oft ein. Sie spielen ihre Solostücke sehr ordentlich – aber dann kommen die Orchesterstellen. Was hat jemand für ein Gespür für Beethoven, wie spielt er einen langsamen Brahms-Satz, ein Stück aus einer Wagner- Oper? Da sieht es bei der Mehrzahl der Kandidaten traurig aus.“
Das könnte sich irgendwann auch auf das Gewandhaus-Quartett auswirken, denn das rekrutiert sich seit 200 Jahren aus den Solisten des Gewandhausorchesters. Im Herbst 1808 gründete Heinrich August Matthäi (1781 – 1835) die Formation zusammen mit seinen Kollegen Campagnoli, Voigt und Dotzauer. Campagnoli war damals Konzertmeister – trotzdem saß sein Stellvertreter Matthäi am ersten Pult. Es ist nämlich nicht so, dass die Leiter der jeweiligen Streichergruppen automatisch zu Mitgliedern des Quartetts würden. Vielmehr wird aus allen Solocellisten, Konzertmeistern und Solobratschern (insgesamt 20 Musikern) der Nachfolger ausgewählt, wenn ein Mitglied des Quartetts aufhört. Und dafür nimmt man sich viel Zeit – beim letzten Wechsel dauerte es zwei Jahre, bis der „richtige“ Bratscher gefunden war. Schließlich verpflichtet die lange Geschichte auch dazu, seinen Platz unter den besten Streichquartetten zu behaupten. Dass das gelingt, bewies u. a. die Gesamtaufnahme der Beethoven‘schen Streichquartette, mit der man 2004 den Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik gewann.
30 Jahre jünger als sein zweiter Geiger war Matthäi – auch diesem Prinzip, dass im Gewandhaus-Quartett mehrere Generationen zusammenspielen, ist man bis heute gefolgt. Um 1900 zum Beispiel spielte der Cellist Julius Klengel (1859 – 1933) 44 Jahre im Quartett und „überlebte“ zwei Generationen von Geigern. Der Vorteil liegt auf der Hand: „Wenn man als junger Kollege in eine bestehende Formation eintritt, profitiert man von der Erfahrung der Älteren. Ein fundiertes Wissen über die Quartettliteratur ist bereits da. Wenn vier junge Leute gleichzeitig anfangen, muss man sich alles von Null erarbeiten. Unsere Formation hat das Repertoire von 200 Werken drauf.“ Genug für die 150 Termine, die das Quartett pro Jahr wahrnimmt: Proben, Konzerte und CD-Produktionen. Andere Quartette leisten dieses Pensum hauptberuflich – für das Gewandhaus-Quartett kommt noch der „Zweitjob“ im Gewandhausorchester dazu. „So will es die Tradition“, sagt Konzertmeister Erben, „mal sehen, wie lange sich das aufrechterhalten lässt. Dazu gehört eine Menge Hingabe und Leidensbereitschaft. Aber wir sind damit aufgewachsen. Ich sehe noch meinen Vater hier sitzen, wenn ich als kleiner Junge im Konzert war.“ Erben ist eins von drei Mitgliedern des Quartetts, deren Väter schon in derselben Formation spielten. Auch das gibt es sonst nirgends.
Seit der Wende ist das Quartett eine eigenständige Firma. Die GbR organisiert die eigenen Tourneen und ist völlig autonom. Auch wenn man im Gewandhaus spielt, ist man „angemietet“. Eins der Lieblingsprogramme auf Tournee ist dabei etwas, was weltweit nur das Gewandhausquartett zu bieten hat: die „Uraufführungskonzerte“. Auf dem Programm stehen dann nur Werke, die man selbst irgendwann als erster gespielt hat. Was beim Gewandhaus-Quartett allerdings nicht bedeutet, dass man nur neue Musik spielen kann, schließlich hat man Beethoven, Mendelssohn, Schumann oder Dvorˇ ák uraufgeführt. Zu zwei solchen historischen Werken tritt dann eine aktuelle Komposition. Die Auswahl ist dabei groß, das Quartett bekommt sehr viele Anfragen, ob man nicht etwas spielen wolle. „Wir nehmen uns sehr viel Zeit, das zu sichten“, sagt der Primarius. „Man darf Modernes nicht spielen um der Quote willen. Ich habe oft den Eindruck, dass manche Formationen das machen. Genau wie junge Quartette manchmal glauben, alles anders machen zu müssen, um sich zu unterscheiden.“
„Zur Freude aller gebildeten Freunde der Tonkunst“ habe sich das Quartett gebildet, berichtete die Allgemeine Musikalische Zeitung 1809. Auch in diesem Aspekt sehen sich die heutigen Mitglieder durchaus in einer Tradition. Es geht allerdings nicht darum, „die Leute zu belehren, sondern Erlebnisse zu ermöglichen. Der eine ist bestürzt, der zweite empfindet Freude oder Entspannung, der dritte ist betrübt, der vierte bildet sich. Die Musik trifft auf verschiedene Nährböden. Aber das Streichquartett bleibt eine elitäre Sache. Die Literatur ist so kompliziert. Nehmen sie nur das fünfte Bartók-Quartett. Das ist eine Herausforderung zu hören, und das wird in 100 Jahren nicht leichter.“ Hoffentlich wird ein Gewandhaus-Quartett das Werk dann auch noch aufführen können.
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