Daniel Harding über Stockhausens GruppenKarl-Heinz Stockhausens „Gruppen“ aufzuführen ist ein Kraftakt – musikalisch und organisatorisch. Das Musikfest Berlin präsentiert das Werk im September gleich an zwei Abenden: im Hangar 2 des Flughafens Tempelhof. Die Musik wird gespielt von drei im Raum verteilten Orchestern unter der Leitung dreier Dirigenten. Bei der Uraufführung 1958 in Köln waren das Stockhausen, Bruno Maderna und Pierre Boulez. In Berlin dirigieren Daniel Harding, Simon Rattle und Michael Boder die Berliner Philharmoniker.Herr Harding, warum sollte man sich Gruppen anhören?Ich hatte zweimal die Chance, Gruppen im Konzert zu hören. Einmal in Tanglewood als Student und einmal in Birmingham, als ich selbst dirigiert habe. Das war beide Male eine außergewöhnliche Erfahrung. Es gibt Momente von exquisiter Zartheit, von großer Schönheit. Aber viel stärker ist der Eindruck einer unglaublichen Gewalt. Das ist eine geradezu körperliche Erfahrung, wie die Musik von allen Seiten kommt, wie der gesamte Raum und man selbst vibriert in diesem Spannungsfeld von Konfl ikt und Harmonie und Dialog zwischen den verschiedenen Seiten. Das ist mehr als bloßes Hören, man „erfährt“ dieses Stück. Diese Musik ist ein Ereignis.Und ich glaube, dafür ist der Flughafen Tempelhof genau der richtige Raum. Wir werden das Stück, wie vor 13 Jahren in Birmingham, zweima hintereinander spielen und das Publikum auffordern, die Plätze zu wechseln. Man erfährt das Stück völlig anders, wenn man die drei Orchester anders hört.
Wie ist es als Dirigent?Furchteinfl ößend. (lacht) Ich erinnere mich noch gut, wie lange wir Dirigenten geprobt haben, wir saßen um einen Tisch, Simon Rattle, John Carewe und ich, jeder hat für sich dirigiert und versucht, sich an die Koordination mit den anderen zu gewöhnen. Gruppen war für mich auch als Dirigent eine völlig neue Erfahrung, das war ziemlich spannend.
Ist Gruppen, ist Stockhausens Musik generell heute noch wegweisend?Fünfzig Jahre sollten eigentlich genug sein, um eine Perspektive auf ein Stück zu haben. Aber es wirkt, um das Klischee zu benutzen, immer noch neu. Stockhausens Musik hat sich ja im Laufe seines Lebens sehr entwickelt. Ich finde die Musik aus seiner frühen Zeit faszinierend. Gruppen ist ein Monument seiner Zeit und ihrer experimentellen Ideen, aber ich bin mir sicher, dass es immer wieder aufgeführt werden wird – allein schon weil es solch eine Herausforderung ist. Mahler 8, die Gurrelieder – diese legendären Stücke sind immer ein Ereignis, wenn man sie ansetzt.
Viele Komponisten schreiben heute wieder auf der Basis der Tonalität. Schon, aber die Bandbreite der musikalischen Sprachen ist so groß wie nie zuvor. Es gibt keine dominierende Musiksprache mehr. Ich weiß nicht, ob das gut oder schlecht ist. Ich denke, man kann das Erbe der Darmstädter Schule noch nicht beurteilen. Viele Komponisten haben sich von Darmstadt entfernt, andere sind nach wie vor enorm beeinflusst.
Der Großteil des Konzertpublikums ist nicht mehr neugierig auf neue Werke. Das gilt aber für fast alle Musik. Die Leute gehen in ein Konzert, um den Künstler zu hören, nicht die Musik. Das ist der Zug der Zeit: Personen stehen im Vordergrund, nicht die Substanz. Aber es ist schon verrückt: Es wird immer mehr neue Musik geschrieben, aber der allgemeine Geschmack ist vor hundert Jahren steckengeblieben.
Sollten sich die Komponisten da nicht aufs Publikum zu bewegen? Bach und Beethoven haben immer auch für ihr Publikum geschrieben, allein schon um überleben zu können. Bach oder Mozart waren „Profis“, die haben geschrieben, wofür sie einen Auftrag hatten, egal wie es ihnen persönlich ging. Beethoven markiert den Wandel, er war einer der Ersten, dessen Musik zeigt – und explizit zeigen soll –, was er persönlich fühlt. Auch Mahler schreibt genau das, was er persönlich sagen will. Ich sehe nicht, warum Komponisten etwas anderes tun sollten als die Musik zu schreiben, die sie in sich haben. Das müssen sie tun! Einige werden erfolgreicher sein, andere weniger. Das hat damit zu tun, dass wir keine allgemeine Musiksprache mehr haben. Wenn man ein Gedicht in einer Sprache hört, die man nicht versteht, wird man auch nicht verstehen, was das Schöne und Besondere daran ist. Der Großteil des Publikums spricht nicht die Sprache der zeitgenössischen Musik. Das mag eine Frage der Erfahrung sein. Wenn man zeitgenössische Musik oft hört, wird man viel Schönheit, Gefühl, was auch immer entdecken, was man beim ersten Hören gar nicht verstehen
kann. Es ist einfacher, Musik in einer Sprache zu hören, mit der man aufgewachsen ist – und das ist für die meisten Menschen Musik, die weit vor unserer Zeit entstanden ist.
Es gibt Musik unserer Zeit, die die meisten Menschen verstehen: Popmusik. Ist der Beethoven unserer Zeit vielleicht nicht Stockhausen, sondern Paul McCartney?Ich fühle mich nicht wohl dabei zu sagen: Die Beatles haben genauso großartige Stücke geschrieben wie Schubert. Es gibt großartige Songs von Bob Dylan oder Lou Reed, die ihren Platz in der Musikgeschichte haben, aber man kann sie nicht mit Schubert vergleichen, das macht irgendwie keinen Sinn. Das ist ein schwieriges Thema, oder?
Das Gespräch führte ARNT COBBERS.