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Wann hat es das zuletzt gegeben: eine klassische CD auf Platz
eins aller Plattenverkäufe. Na gut, nur in Österreich. Aber in
England schaffte es „Chant – Musik for Paradise“ immerhin
auf Platz sieben der Popmusik-Charts, mit 100.000 verkauften
Exemplaren! Als neue Superstars der Klassikbranche eignen
sich die Musiker allerdings kaum: Es sind Zisterziensermönche
des österreichischen Stifts Heiligenkreuz. Die vermeintlichen
Hinterwäldler stellten ein eigenes Video ins Internet, der Chef
der Plattenfirma Universal war begeistert und schickte ein Team
aus London nach Österreich, das die Klosterkirche kurzerhand
in ein Aufnahmestudio verwandelte. Auf ihrer CD singen die
Mönche die gregorianische Missa pro defunctis und die Komplet
– und treffen damit anscheinend genau den Nerv entspannungswilliger
Hörer. Die Einnahmen werden die Zisterzienser
um Abt Gregor Henckel-Donnersmarck, den Onkel des oscarprämierten
Filmregisseurs, in ihre sozialen Projekte stecken.
(Decca 476 6774-2)
Und was die Männer können, können Frauen doch eigentlich
schon lange. Gregorianische Gesänge auf Texte des
Apostels Paulus hat die Frauenschola Exsulta Sion Freiburg
für das Label Christophorus aufgenommen. Die Sängerinnen
sind allerdings keine Nonnen, sondern Profisängerinnen aus
Freiburg/Breisgau und Basel. Aber singen können sie auch. Ob
dies der nächste Hit wird? (Christophorus CHR 77299) |
Klassik auf der Kinoleinwand
– diese Idee will die Berliner Firma „My
Screenevent“ in die Realität umsetzen.
Die Premiere erfolgt im Oktober
in rund 20 Kinos zwischen Balingen,
Berlin und Bremen, die beste Klangerlebnisse
garantieren. Gezeigt wird
„Monumente der Klassik – Kent Nagano
dirigiert Beethovens Eroica“, ein
aufwändig produzierter Konzertmitschnitt
mit dem DSO aus der Berliner
Philharmonie. Und weil’s ein richtiger
„Kino-Event“ werden soll, gibt’s auch
Sekt, Kaffee und Kuchen – zu Kinopreisen.
Schlägt das Konzept ein,
will My Screenevent in Serie gehen:
mit weiteren Nagano-Mitschnitten,
mit Barenboim und dem West-Eastern
Divan Orchestra in der Berliner
Waldbühne und mit Walter Felsenstein
in der Komischen Oper Berlin.
(www.myscreenevent.com) |
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Naxos lädt ein zu zwei musikalischen
Stadtrundgängen durch die britische
Hauptstadt. Auf der ersten CD ein „leichter“
Spaziergang, der u. a. mit der London
Transport Suite die Pferde-Taxis, offene
Omnibusse und Dampfloks besingt.
Der Rundgang auf der zweiten CD beginnt mit Elgars Cockaigne
in London Town und endet mit dem Finale von Haydns Londoner
Sinfonie. (Best of London, Naxos 8.572098-99)
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Voller Geschrei muss es gewesen sein, das Stadtleben in Mittelalter und Renaissance.
Marktschreier und Straßenverkäufer riefen ebenso wie die Nachtwächter
durcheinander. Aus der Londoner Geschichte sind diese Rufe lebendig geblieben: in
Form von Kompositionen, die bedeutende Komponisten auf sie schrieben. Orlando
Gibbons und Thomas Weelkes mit The Cries of London zum Beispiel, die dieser CD
den Namen gaben, oder Richard Derings The City Cries und The Country Cries. Da
werden verloren gegangene Pferde gesucht, man philosophiert und bietet diverse
Dienstleistungen an – ein „Stadtbild“ der anderen Art. Selten wird eine längst vergangene
Epoche so lebendig wie auf dieser CD – die deswegen nicht nur etwas für
Fans Alter Musik ist.
The Cries of London
Theatre of voices, Fretwork
harmonia mundi HMU 807214
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Als „bester lyrischer Tenor deutscher Zunge“ wurde er einst gefeiert – jetzt widmet
ihm Berlin Classics zum 100. Geburtstag
(am 1. Juli) eine 3-CD-Box, die noch einmal
seine größten Erfolge Revue passieren
lässt. Opernauftritte wie in einer seiner
Paraderollen, dem Belmonte aus Mozarts
Entführung, vor allem aber Lieder, bei denen
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er von seinem langjährigen Partner Michael
Raucheisen begleitet wird. Die Aufnahmen
stammen fast alle aus Berliner Rundfunkproduktionen
der Jahre 1942 bis 1946. Bald
danach ging Anders in den Westen, wo er
mit nur 46 Jahren starb. (Berlin Classics
0184432BC)
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Martha Argerich gibt nie Interviews. Die in Brüssel lebende Pianistin ist die große
Geheimnisvolle unter den Klassikstars. Ein Interview mit Martha Argerich?
Nie. Aber dann hat sie doch mal eine Ausnahme gemacht. Und sich mit dem
Schweizer Georges Gachot zu einem „Nachtgespräch“ zusammengesetzt – vor
laufender Kamera. Zudem hat sie ihm erlaubt, sie zu Proben zu begleiten.
Der 2002 fürs Fernsehen entstandene einstündige Film zeigt außerdem
Ausschnitte von älteren Konzertmitschnitten. So entsteht ein Porträt,
das wenige, aber spannende Einblicke gewährt in die Persönlichkeit der
Argentinierin. Und die wirkt auf den ersten Blick überraschend unkompliziert.
Nun ist der Film auf DVD erschienen, angereichert um 40 Minuten Bonus-
Material mit weiteren Konzertmitschnitten.
(medici arts 3073428)
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Sie ist der Star unter den jungen Cellistinnen. 2006 debütierte Sol
Gabetta auf dem CD-Markt mit Tschaikowskys Cellokonzert, 2007
verblüffte sie mit Vivaldi auf Barockcello (und mit Barockbogen).
Nun legt die 27-jährige Argentinierin, die in Basel lebt, gleich zwei
neue CDs vor. Und die könnten unterschiedlicher nicht sein.
„Ich habe mich sofort verliebt in das zweite Cellokonzert von
Schostakowitsch. Dieses Stück hat solch eine Tiefe – wie ein Ozean.
Man weiß, es gibt einen Boden, aber man sieht ihn nicht und kann
immer tiefer tauchen. Vielleicht ist das Leben schon vorbei, bevor
man unten ankommt. Obwohl ich die ganze Partitur analysiert habe,
entdecke ich jeden Tag neue Dinge. Mich fasziniert diese dunkle
Seite bei Schostakowitsch – was Leute, die mich nur ein bisschen
kennen, sich vielleicht gar nicht vorstellen können. Aber jede Person
hat viele verschiedene Facetten. Und ich finde es wahnsinnig
wichtig, dass man das als Musikerin zeigen darf. Heute wird man
viel zu schnell in Schubladen gesteckt. Das ist gefährlich. Ich mag
auch das Lebendige, die Schönheit, Charme, und deshalb bin
ich froh, dass ich die Opernarien und Chansons aufnehmen
konnte. Die meisten sind lebensfroh, und ich bin stolz, dass
sie so leicht und freudig klingen. Dazu gehört
eine Menge Arbeit, sonst würde es banal klingen. Wirklicher Opernfan bin ich nicht
– in Argentinien bin ich mit der Oper viel
zu wenig in Berührung gekommen. Aber
ich habe immer viel gesungen. Und das Singen
ist auch für mich als Cellistin die Grundlage. Es
ist immer die Frage, wie würde ich diese Melodie singen? Erst wenn ich sie mit meinem eigenen Instrument, der Stimme, machen kann, kann ich sie
auch auf einem anderen Instrument, dem Cello, spielen.
Ich bin froh, dass ich die CDs machen durfte.
Die CD darf nicht sterben. Natürlich kann man
Musik im Internet hören, aber dann ist sie
auch sofort wieder weg. Ich möchte die
Musik auch „in den Händen halten“,
ich möchte ein Booklet lesen. Wir
Menschen haben doch fünf Sinne
– nicht nur einen.“
aufgezeichnet von ARNT COBBERS
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Sol Gabetta
Cantabile
Opernarien und Chansons
Prager Philharmoniker:
Charles Olivieri-Munroe,
RCA Red Seal 88697312792
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Dmitri Schostakowitsch
Cellokonzert Nr. 2, Sonate für
Cello und Klavier
Sol Gabetta, Mihaela Ursuleasa
(Klavier), Münchner Philharmoniker:
Marc Albrecht
RCA Red Seal 88697342612
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Gleich vier Ersteinspielungen von Hasse,
Graun und Carl Philipp Emanuel Bach sind
auf einer neuen CD versammelt, die das
musikalische Umfeld Friedrichs II. beleuchtet.
Graun war sein Konzertmeister, Philipp Emanuel
Bach sein Kammermusikus, während
der damals berühmteste, Johann Adolf
Hasse, in Dresden wirkte. Als Kontrastprogramm
dazu gibt es bekannte Sinfonien
Haydns und Mozarts – die mussten sich mit
aufklärerischen Gedanken auf ihre Musik
beschränken, denn im Österreich Maria
Theresias war derartiges Gedankengut
nicht gern gesehen.
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Sinfonias from the Enlightenment
Hasse, Graun, C.P.E. Bach,
Haydn, Mozart
Moderntimes_1800
Channel Classics CC72193
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Im letzten Heft haben wir unfreiwillig einer weit verbreiteten Legende Vorschub geleistet.
Das vermeintliche Freimaurerzertifikat Mozarts hat nichts mit Mozart zu tun,
auch wenn dies immer wieder zu lesen ist. Unser Autor Harald Strebel war im Urlaub
und nicht erreichbar, als wir das Bild ausgewählt haben. Auch bei der zweiten
Abbildung auf der Seite 50 sind wir falschen Angaben der Bildagentur aufgesessen.
Der Künstler ist unbekannt, die Szene aus der Freimaurerloge dürfte erst um 1790
entstanden sein. Und schließlich gilt es noch einen dummen Tippfehler zu berichtigen,
der sich bis in Lexika hinein verbreitet hat: Antonio Salieri ist nicht in Legnano
geboren, sondern in Legnago (Provinz Verona). Wir bitten um Entschuldigung!
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Partituren 17 |

Schlechte Zeiten für Tonträger? Nicht
unbedingt, meint Johannes Kernmeyer,
der Kopf hinter dem neuen Label
„Phoenix Edition“. Kernmeyer war viele
Jahre künstlerischer Leiter des Labels
Capriccio, das nach der Insolvenz des
Inhabers Delta Music erst einmal vom
Markt verschwunden ist. Mit alten Weggefährten
wie Christoph Spering, Christine
Schornsheim oder dem Petersen-Quartett
und neuen wie Simone Kermes, Thomas
Quasthoff und Christoph Eschenbach
baut er nun ein Programm auf, das sich
vor allem der Wiederentdeckung vergessener
Werke widmen wird: Rameau und
Joseph Martin Kraus finden sich ebenso
unter den ersten Neuerscheinungen
wie Schnittke und Ernest Bloch.
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Wer bereits zur Horowitz-Fangemeinde gehört, wird den Mitschnitt
seines letzten Auftritts am 21. Juni 1987 in der Hamburger
Laeiszhalle ohnehin haben wollen. Wer Horowitz’ Kunst
noch nicht kennt, dem kann diese CD ans Herz gelegt werden
als Dokument eines Pianisten, der mit 83
 Jahren noch
einsame Spitze seiner Zunft
war. Der hervor- ragende Mitschnitt
des NDR fing getreu
die unzähligen Farben ein,
die Horowitz seinem Steinway
entlockte. Für die technischen Herausforderungen (Liszt,
Chopin, Moszkowski) hatte er noch genug Stehvermögen. Was
im Gedächtnis hängen bleibt, ist aber das Gesangliche seines
Spiels. Und das Geschmackvolle, das man ihm nicht immer
zutraute: Schumanns Träumerei, diese abgelutschteste aller
Kamellen, wird durch ihn von jedem Kitschverdacht befreit. CMS
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 Er hat sogar bei Schostakowitsch Komponieren studiert und zwei
Klavierkonzerte geschrieben. Doch dann beschloss Mstislaw Rostropowitsch,
sich ganz aufs Cellospiel zu konzentrieren – und andere
für sich komponieren zu lassen. Welch eindrucksvolles OEuvre der Russe als Anreger und Uraufführer hinterlässt,
zeigt nun eine interessante Hommage-CD. Wenige Monate nach seinem Tod führten zahlreiche seiner
prominenten Kollegen beim Kronberg Cello Festival 2007 Werke auf, die Rostropowitsch angeregt hat – von
Prokofjew und Britten, Schnittke und Piazzolla, Lutosławski und Bernstein, Henze und Dutilleux. Mitschnitte
vom Festival präsentiert nun die 4-CD-Box Celebrating Slava! (Profil Edition Günter Hänssler PH 08029)
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Spätestens wenn Gerhard Taschner Pablo de Sarasates Carmen-Fantasie spielt, kann man
nachempfinden, dass die Violine in der Romantik ähnlich rauschhafte Wirkungen auslöste wie
die E-Gitarre des Rock im 20. Jahrhundert. Taschner, der 1941 mit 19 Jahren Erster Konzertmeister
der Berliner Philharmoniker wurde und nach dem Krieg eine große Solistenkarriere
erlebte, lässt die Violine flüstern, singen, hauchen, klagen, exzessiv schreien. Farbspektrum
und die Ausdrucksfülle dieses Ausnahmegeigers müssen nahezu grenzenlos gewesen sein.
Dies lässt sich in der nunmehr vierten Folge der bei MDG erscheinenden Taschner-Reihe an
so unterschiedlichen Werken wie den Violinkonzerten von Sibelius und Khatchaturian sowie
an Sarasate nachempfinden. Taschners Interpretationen aus den fünfziger Jahren wirken
auf CD auch nach einem halben Jahrhundert noch so lebendig und unmittelbar, dass man
meint, man säße im Konzert. 1961 zog sich Taschner vom Konzertpodium zurück und widmete
sich ganz seiner Berliner Professur. Er starb 1976, erst 54-jährig. (MDG 642 1508-2) EW
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Am 29. Mai feierte Helmuth Rilling seinen 75 Geburtstag!
Mit seiner Gächinger Kantorei wurde er zu einem der einflussreichsten
Interpreten des 20. Jahrhunderts. Die hatte
er 1954 als Studienanfänger gegründet, um sich der (damals)
vergessenen Musik von Komponisten wie Schütz
oder Buxtehude, aber auch der Neuen Musik zu widmen.
Berühmt wurde er aber als Bach-Interpret: 1981 gründete
er die Internationale Bachakademie Stuttgart, 1984 schloss
er die erste Gesamteinspielung der Kantaten Bachs ab,
2000 die Einspielung von Bachs Gesamtwerk. Es folgten
zahlreiche Preise und Ehrungen, u. a. eine Goldene Schallplatte
1994 (für eine Million verkaufte CDs) und ein Grammy
2001 für Pendereckis Credo. Herzlichen Glückwunsch!
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Seit dreißig Jahren hat er keinen Mozart mehr gespielt
– noch nie hat er ihn aufgenommen. Und mancher
wird nach dem Anhören der CD zweifellos sagen:
Hätte er das doch besser noch weitere dreißig
Jahre gelassen. Denn Nigel Kennedy bürstet Mozart
gewaltig gegen den Strich – so ähnlich könnte der
Mozart des Amadeus-Films Geige gespielt haben.
Albern kichernd über die elektronisch verfremdeten
Klänge der Kadenzen. Dass Kennedy in dieser Aufnahme
auf einen Dirigenten verzichtet, ist allerdings
über jeden Kritikerzweifel erhaben – schließlich
brauchte Mozart auch nie einen Dirigenten.
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Jos van Immerseel
Als er ein Kind war, hörte Jos van Immerseel ein Konzert von Dave Brubeck.
Nach dem Auftritt stellte er sich dem legendären Jazzpianisten forsch als Kollege
vor. Wer denn sein Lieblingskomponist sei, fragte Brubeck. Immerseel rang sich
verlegen einen Namen ab: Debussy! „Das ist der Vater aller Jazzer“, antwortete
Brubeck. Und nachdem Immerseel diese Geschichte erzählt hat, gleitet er an den
Erard-Flügel und spielt Brubeck – als Zugabe nach einem reinen Debussy-Programm.
Eine verführerisch sanfte Art, unerhörte Harmonien zu spielen.
Klangfarben haben es dem flämischen Dirigenten und Pianisten besonders
angetan. Seine Wohnung in Antwerpen gleicht einem Musikinstrumentenmuseum.
Hier umgibt sich Jos van Immerseel bei konstant 21 Grad Raumtemperatur und
45 Prozent Luftfeuchtigkeit mit Tasteninstrumenten vom Clavichord bis zum Konzertflügel.
Er hat den Flügel rekonstruieren lassen, den Mozart in seinen letzten
Lebensjahren spielte, und interpretiert Schubert-Sonaten auf einem Wiener Hammerklavier:
„Wir wissen, dass Schubert diesen Instrumententyp sehr liebte, obwohl
er damals schon etwas altmodisch war.“ Immer ist Immerseel auf der Suche nach
dem passenden Klang für die Werke, die er aufführt. Für seinen Debussy-Abend
reist er mit zwei historischen Flügeln aus seiner Sammlung, um einen
Eindruck davon zu vermitteln, wie Debussy geklungen haben könnte,
bevor der Klang des Steinwayflügels zum Standard-Stahlgewitter
avancierte. Zum intimen Erlebnis wird dabei vor allem die Begegnung
mit dem piano demi-queue von Erard, einem Instrument
der Salons. Sein leicht gesenkter, nostalgischer Tonfall
lässt Debussys Kompositionen noch moderner erscheinen,
noch abgründiger.
Ein Effekt, der Immerseel auch mit seiner spektakulären
Ravel-Aufnahme gelingt, für die die Musiker seines
Ensembles „Anima Eterna“ französische Saxophone und
Bassons der Uraufführungszeit aufgetrieben haben. So
packend hat man den Bolero noch nie gehört. Bei all
seiner Recherche-Lust geraten Immerseels Interpretationen
nie dogmatisch. Vielleicht, weil der Solist Immerseel
stets die Überhand über den Forscher und Orchesterleiter
Immerseel behält. Sein jüngster Coup: Die Wiederentdeckung
Beethovens aus dem Geist des Wiener Orchesterklangs.
Noch eine Sinfonien-Box, wo gerade von allen
Seiten historisch aufgeklärte Beethoven-Neuaufnahmen
auf den Markt drängen? Unbedingt! Existentieller als
Immerseels Pastorale kann eine Landpartie nicht ausfallen.
Man kehrt verstört heim – und erlebt das Glück eines
langen Nachbebens.
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Partituren 16 |

Mit 13 nahm sie für Warner Classics
mit dem London Symphony
Orchestra Paganini und andere
Virtuosenstücke auf, dann verschwand
die Teenie- „Wundergeigerin“
wieder aus der breiten
Öffentlichkeit. Nun ist die Britin
Chloë Hanslip 20 und bei Naxos
gelandet. Dass die Zakhar-Bron-
Schülerin noch immer virtuos
und klangschön Geige spielen
kann, beweist sie mit zwei veritablen Wiederentdeckungen:
den süffigen-leichten und sehr wirkungsvollen Violinkonzerten
des Franzosen Benjamin Godard (1849 – 1895). (Naxos 8.570554) |
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 Das „beste Konzertprogramm der Saison
2007 / 08“ hat nach Meinung des Deutschen
Musikverleger- Verbandes die Philharmonie
Essen in ihrer vierten Saison geboten. Die
Jury hebt vor allem den Spagat zwischen
dem „klassisch-roman- tischen Konzertrepertoire“
einerseits und „der zeitgenössischen
Musik und den weniger häufig gespielten
Werken des 20. Jahrhunderts“ andererseits
hervor. Durch Themenschwerpunkte
und Porträtreihen werde dem Publikum der Zugang zur „unbekannten oder ungewohnten
Musikliteratur erheblich erleichtert“. Intendant Michael Kaufmann wird stellvertretend am
21. Mai ausgezeichnet – im Rahmen eines Konzertes, bei dem bezeichnenderweise ein
Mozart-Divertimento, ein Streichquartett von Pavel Haas und die Erstaufführung eines Auftragswerks
von HK Gruber auf dem Programm stehen.
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 Matthias Goerne ist einer, der
musikalisch auf seinem eigenen
Kopf besteht. Nach Jahren
als Exklusivkünstler eines großen
Plattenlabels beginnt der
gerade 40 gewordene Bariton
nun bei harmonia mundi eine
„Schubert-Edition“, die auf elf
CDs einen breiten Querschnitt
durchs Liedschaffen Franz
Schuberts geben soll. Jede
Folge wird unter einem Leitwort
stehen, bei jeder wird Goerne
von einem anderen Pianisten
begleitet. Goernes Partnerin
beim Auftakt „Sehnsucht“ war
Elisabeth Leonskaja. (harmonia
mundi HMD 901988) |

 Anne-Sophie Mutter (auf dem Bild rechts) ist die Preisträgerin des Ernst von Siemens-Musikpreises
2008, der mit 200.000 Euro dotiert ist und Ende April in München verliehen wurde. Die
Jury würdigt besonders den unermüdlichen Einsatz der Geigerin für zeitgenössische Musik
und ihr soziales Engagement. Durch Stiftungen fördert sie den musikalischen Nachwuchs,
soziale Projekte unterstützt sie immer wieder mit Benefi zkonzerten. Mit „nur“ 100.000 Dollar
(64.000 Euro) ist der amerikanische Michael Ludwig Nemmers Kompositionspreis dotiert, den
die fi nnische Komponistin Kaja Saariaho erhält. Und um 25.000 Schweizer Franken (ca. 16.000
Euro) reicher ist die Cellistin Sol Gabetta, weil sie den Aargauer Musikpreis gewonnen hat.
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 Norbert Burgmüller wurde nur 26
Jahre alt, doch er hinter- ließ ein
hochinteressantes OEuvre inklusive
zwei Sym- phonien und einem originellen
Klavierkonzert. Das Ehepaar
Schumann, Mendelssohn Bartholdy
und Brahms gehörten zu den
Bewunderern des 1810 geborenen Düsseldorfer Komponisten.
Eine Gruppe von Verehrern um den Pianisten Tobias Koch hat
nun die Norbert-Burgmüller-Gesellschaft aus der Taufe gehoben,
die sich die Erforschung, Förderung und Verbreitung des
Burgmüller’schen Werkes zur Aufgabe gestellt hat. Geplant ist
u. a. die Notenedition sämtlicher Werke Burgmüllers Die Internet-
Seite ist eine Fundgrube für Informationen zu Burgmüller:
www.burgmueller.de |
 Nur noch ca. 800.000 Euro (1,3
Millionen Dollar) musste eine anonyme
Käuferin beim Auktionshaus
Christie‘s für eine Stradivari-Violine
aus dem Jahre 1700 bezahlen.
2006 war ein Instrument aus dem
Jahre 1707, die „Hammer“-Stradivari,
noch für 3,5 Millionen Dollar
(damals 2,75 Mill. Euro) unter
den Hammer gekommen. Instrumente
aus Stradivaris Werkstatt
besitzen u. a. André Rieu, Viktoria
Mullova, Joshua Bell, Gil Shaham
und Itzhak Perlman. Anne-Sophie
Mutter und Salvatore Accardo haben gleich zwei davon, während
das Instrument Eugène Ysaÿes (vermisst seit 1908) ebenso
gestohlen wurde wie das von David Oistrach (1996 entwendet). |
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