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Das Magazin für klassische Musik
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Wenn man mal etwas anderes hören und sehen will, kann man hier vorbeischauen. Egal ob Rap, Rock, Metal, Hip-Hop, Punk oder Pop. Musikvideos die begeistern oder entspannen.

Klassische Musik ist ihr Leben, eine Anregung und Inspiration? Dann sind sie hier genau richtig. Diesen CD Shop sollte man kennen.
Partituren 18
Wann hat es das zuletzt gegeben: eine klassische CD auf Platz eins aller Plattenverkäufe. Na gut, nur in Österreich. Aber in England schaffte es „Chant – Musik for Paradise“ immerhin auf Platz sieben der Popmusik-Charts, mit 100.000 verkauften Exemplaren! Als neue Superstars der Klassikbranche eignen sich die Musiker allerdings kaum: Es sind Zisterziensermönche des österreichischen Stifts Heiligenkreuz. Die vermeintlichen Hinterwäldler stellten ein eigenes Video ins Internet, der Chef der Plattenfirma Universal war begeistert und schickte ein Team aus London nach Österreich, das die Klosterkirche kurzerhand in ein Aufnahmestudio verwandelte. Auf ihrer CD singen die Mönche die gregorianische Missa pro defunctis und die Komplet – und treffen damit anscheinend genau den Nerv entspannungswilliger Hörer. Die Einnahmen werden die Zisterzienser um Abt Gregor Henckel-Donnersmarck, den Onkel des oscarprämierten Filmregisseurs, in ihre sozialen Projekte stecken. (Decca 476 6774-2) Und was die Männer können, können Frauen doch eigentlich schon lange. Gregorianische Gesänge auf Texte des Apostels Paulus hat die Frauenschola Exsulta Sion Freiburg für das Label Christophorus aufgenommen. Die Sängerinnen sind allerdings keine Nonnen, sondern Profisängerinnen aus Freiburg/Breisgau und Basel. Aber singen können sie auch. Ob dies der nächste Hit wird? (Christophorus CHR 77299)

Klassik auf der Kinoleinwand
– diese Idee will die Berliner Firma „My Screenevent“ in die Realität umsetzen. Die Premiere erfolgt im Oktober in rund 20 Kinos zwischen Balingen, Berlin und Bremen, die beste Klangerlebnisse garantieren. Gezeigt wird „Monumente der Klassik – Kent Nagano dirigiert Beethovens Eroica“, ein aufwändig produzierter Konzertmitschnitt mit dem DSO aus der Berliner Philharmonie. Und weil’s ein richtiger „Kino-Event“ werden soll, gibt’s auch Sekt, Kaffee und Kuchen – zu Kinopreisen. Schlägt das Konzept ein, will My Screenevent in Serie gehen: mit weiteren Nagano-Mitschnitten, mit Barenboim und dem West-Eastern Divan Orchestra in der Berliner Waldbühne und mit Walter Felsenstein in der Komischen Oper Berlin. (www.myscreenevent.com)


 
 
 
Naxos lädt ein zu zwei musikalischen Stadtrundgängen durch die britische Hauptstadt. Auf der ersten CD ein „leichter“ Spaziergang, der u. a. mit der London Transport Suite die Pferde-Taxis, offene Omnibusse und Dampfloks besingt. Der Rundgang auf der zweiten CD beginnt mit Elgars Cockaigne in London Town und endet mit dem Finale von Haydns Londoner Sinfonie. (Best of London, Naxos 8.572098-99)




Voller Geschrei muss es gewesen sein, das Stadtleben in Mittelalter und Renaissance. Marktschreier und Straßenverkäufer riefen ebenso wie die Nachtwächter durcheinander. Aus der Londoner Geschichte sind diese Rufe lebendig geblieben: in Form von Kompositionen, die bedeutende Komponisten auf sie schrieben. Orlando Gibbons und Thomas Weelkes mit The Cries of London zum Beispiel, die dieser CD den Namen gaben, oder Richard Derings The City Cries und The Country Cries. Da werden verloren gegangene Pferde gesucht, man philosophiert und bietet diverse Dienstleistungen an – ein „Stadtbild“ der anderen Art. Selten wird eine längst vergangene Epoche so lebendig wie auf dieser CD – die deswegen nicht nur etwas für Fans Alter Musik ist.
The Cries of London
Theatre of voices, Fretwork
harmonia mundi HMU 807214
Als „bester lyrischer Tenor deutscher Zunge“ wurde er einst gefeiert – jetzt widmet ihm Berlin Classics zum 100. Geburtstag (am 1. Juli) eine 3-CD-Box, die noch einmal seine größten Erfolge Revue passieren lässt. Opernauftritte wie in einer seiner Paraderollen, dem Belmonte aus Mozarts Entführung, vor allem aber Lieder, bei denen er von seinem langjährigen Partner Michael Raucheisen begleitet wird. Die Aufnahmen stammen fast alle aus Berliner Rundfunkproduktionen der Jahre 1942 bis 1946. Bald danach ging Anders in den Westen, wo er mit nur 46 Jahren starb. (Berlin Classics 0184432BC)
Martha Argerich gibt nie Interviews. Die in Brüssel lebende Pianistin ist die große
Geheimnisvolle unter den Klassikstars. Ein Interview mit Martha Argerich?
Nie. Aber dann hat sie doch mal eine Ausnahme gemacht. Und sich mit dem
Schweizer Georges Gachot zu einem „Nachtgespräch“ zusammengesetzt – vor
laufender Kamera. Zudem hat sie ihm erlaubt, sie zu Proben zu begleiten.
Der 2002 fürs Fernsehen entstandene einstündige Film zeigt außerdem
Ausschnitte von älteren Konzertmitschnitten. So entsteht ein Porträt,
das wenige, aber spannende Einblicke gewährt in die Persönlichkeit der
Argentinierin. Und die wirkt auf den ersten Blick überraschend unkompliziert.
Nun ist der Film auf DVD erschienen, angereichert um 40 Minuten Bonus-
Material mit weiteren Konzertmitschnitten.
(medici arts 3073428)

Sie ist der Star unter den jungen Cellistinnen. 2006 debütierte Sol Gabetta auf dem CD-Markt mit Tschaikowskys Cellokonzert, 2007 verblüffte sie mit Vivaldi auf Barockcello (und mit Barockbogen). Nun legt die 27-jährige Argentinierin, die in Basel lebt, gleich zwei neue CDs vor. Und die könnten unterschiedlicher nicht sein. „Ich habe mich sofort verliebt in das zweite Cellokonzert von Schostakowitsch. Dieses Stück hat solch eine Tiefe – wie ein Ozean. Man weiß, es gibt einen Boden, aber man sieht ihn nicht und kann immer tiefer tauchen. Vielleicht ist das Leben schon vorbei, bevor man unten ankommt. Obwohl ich die ganze Partitur analysiert habe, entdecke ich jeden Tag neue Dinge. Mich fasziniert diese dunkle Seite bei Schostakowitsch – was Leute, die mich nur ein bisschen kennen, sich vielleicht gar nicht vorstellen können. Aber jede Person hat viele verschiedene Facetten. Und ich finde es wahnsinnig wichtig, dass man das als Musikerin zeigen darf. Heute wird man viel zu schnell in Schubladen gesteckt. Das ist gefährlich. Ich mag auch das Lebendige, die Schönheit,
Charme, und deshalb bin ich froh, dass ich
die Opernarien und Chansons aufnehmen
konnte. Die meisten sind lebensfroh,
und ich bin stolz, dass sie so leicht
und  freudig klingen. Dazu gehört eine
Menge  Arbeit, sonst würde es banal
klingen. Wirklicher Opernfan bin ich nicht –
in Argentinien bin ich mit der Oper viel zu
wenig in Berührung gekommen. Aber ich habe
immer viel gesungen. Und das Singen ist auch
für mich  als Cellistin die Grundlage. Es ist
immer die Frage, wie würde ich diese Melodie
singen? Erst wenn ich sie mit meinem eigenen
Instrument, der Stimme, machen kann, kann
ich sie auch auf einem anderen Instrument,
dem Cello, spielen. Ich bin froh, dass
ich die CDs machen durfte. Die
CD darf nicht sterben. Natürlich
kann man Musik im Internet
hören, aber dann ist sie auch
sofort wieder weg. Ich möchte
die Musik auch „in den Händen
halten“, ich möchte ein Booklet
lesen. Wir Menschen haben
doch fünf Sinne – nicht nur einen.“

aufgezeichnet von
ARNT COBBERS

Sol Gabetta
Cantabile
Opernarien und Chansons
Prager Philharmoniker:
Charles Olivieri-Munroe,
RCA Red Seal 88697312792
 
Dmitri Schostakowitsch
Cellokonzert Nr. 2, Sonate für
Cello und Klavier
Sol Gabetta, Mihaela Ursuleasa
(Klavier), Münchner Philharmoniker:
Marc Albrecht
RCA Red Seal 88697342612
Die Gambe und die Consortmusik für dieses Instrument war für beinahe 200 Jahre eine der Spezialitäten englischer Musik. Als allerdings der junge Henry Purcell 1680 seine Fantasien für Gambenconsort schrieb, hatte die Geige der Gambe bereits den Rang abgelaufen – und so waren Purcells Werke ein Abgesang auf eine große englische Tradition. Jetzt ist eine aufregende Aufnahme des ungewöhnlichen Repertoires, das erst 1972 publiziert wurde, erschienen. Vittorio Ghielmi und Il suonar parlante arbeiten nämlich den Einfluss der italienischen Musik auf Purcell heraus. Welch Unterschied zu der gerade wieder erschienenen 1994er Aufnahme von Altmeister Jordi Savall, der ihre kontrapunktische Komplexität und Kühnheit und die englische Tradition betont, in der sie stehen.


Henry Purcell
Fantasias for the Viol
Heesperion XX:
Jordi Savall
Alia vox AVSA 9859
Henry Purcell
Fantazias of four parts
Il suonar parlante
Winter & Winter
910 134-2
Gleich vier Ersteinspielungen von Hasse, Graun und Carl Philipp Emanuel Bach sind auf einer neuen CD versammelt, die das musikalische Umfeld Friedrichs II. beleuchtet. Graun war sein Konzertmeister, Philipp Emanuel Bach sein Kammermusikus, während der damals berühmteste, Johann Adolf Hasse, in Dresden wirkte. Als Kontrastprogramm dazu gibt es bekannte Sinfonien Haydns und Mozarts – die mussten sich mit aufklärerischen Gedanken auf ihre Musik beschränken, denn im Österreich Maria Theresias war derartiges Gedankengut nicht gern gesehen.
Sinfonias from the Enlightenment
Hasse, Graun, C.P.E. Bach,
Haydn, Mozart
Moderntimes_1800
Channel Classics CC72193
Im letzten Heft haben wir unfreiwillig einer weit verbreiteten Legende Vorschub geleistet. Das vermeintliche Freimaurerzertifikat Mozarts hat nichts mit Mozart zu tun, auch wenn dies immer wieder zu lesen ist. Unser Autor Harald Strebel war im Urlaub und nicht erreichbar, als wir das Bild ausgewählt haben. Auch bei der zweiten Abbildung auf der Seite 50 sind wir falschen Angaben der Bildagentur aufgesessen. Der Künstler ist unbekannt, die Szene aus der Freimaurerloge dürfte erst um 1790 entstanden sein. Und schließlich gilt es noch einen dummen Tippfehler zu berichtigen, der sich bis in Lexika hinein verbreitet hat: Antonio Salieri ist nicht in Legnano geboren, sondern in Legnago (Provinz Verona). Wir bitten um Entschuldigung!
Partituren 17










Schlechte Zeiten für Tonträger? Nicht unbedingt, meint Johannes Kernmeyer, der Kopf hinter dem neuen Label „Phoenix Edition“. Kernmeyer war viele Jahre künstlerischer Leiter des Labels Capriccio, das nach der Insolvenz des Inhabers Delta Music erst einmal vom Markt verschwunden ist. Mit alten Weggefährten wie Christoph Spering, Christine Schornsheim oder dem Petersen-Quartett und neuen wie Simone Kermes, Thomas Quasthoff und Christoph Eschenbach baut er nun ein Programm auf, das sich vor allem der Wiederentdeckung vergessener Werke widmen wird: Rameau und Joseph Martin Kraus finden sich ebenso unter den ersten Neuerscheinungen wie Schnittke und Ernest Bloch.



Wer bereits zur Horowitz-Fangemeinde gehört, wird den Mitschnitt seines letzten Auftritts am 21. Juni 1987 in der Hamburger Laeiszhalle ohnehin haben wollen. Wer Horowitz’ Kunst noch nicht kennt, dem kann diese CD ans Herz gelegt werden als Dokument eines Pianisten, der mit 83
Jahren noch einsame Spitze seiner Zunft war. Der hervor- ragende Mitschnitt des NDR fing getreu die unzähligen Farben ein, die Horowitz seinem Steinway entlockte. Für die technischen Herausforderungen (Liszt, Chopin, Moszkowski) hatte er noch genug Stehvermögen. Was im Gedächtnis hängen bleibt, ist aber das Gesangliche seines Spiels. Und das Geschmackvolle, das man ihm nicht immer zutraute: Schumanns Träumerei, diese abgelutschteste aller Kamellen, wird durch ihn von jedem Kitschverdacht befreit. CMS







Er hat sogar bei Schostakowitsch Komponieren studiert und zwei Klavierkonzerte geschrieben. Doch dann beschloss Mstislaw Rostropowitsch, sich ganz aufs Cellospiel zu konzentrieren – und andere für sich komponieren zu lassen. Welch eindrucksvolles OEuvre der Russe als Anreger und Uraufführer hinterlässt, zeigt nun eine interessante Hommage-CD. Wenige Monate nach seinem Tod führten zahlreiche seiner prominenten Kollegen beim Kronberg Cello Festival 2007 Werke auf, die Rostropowitsch angeregt hat – von Prokofjew und Britten, Schnittke und Piazzolla, Lutosławski und Bernstein, Henze und Dutilleux. Mitschnitte vom Festival präsentiert nun die 4-CD-Box Celebrating Slava! (Profil Edition Günter Hänssler PH 08029)





Spätestens wenn Gerhard Taschner Pablo de Sarasates Carmen-Fantasie spielt, kann man nachempfinden, dass die Violine in der Romantik ähnlich rauschhafte Wirkungen auslöste wie die E-Gitarre des Rock im 20. Jahrhundert. Taschner, der 1941 mit 19 Jahren Erster Konzertmeister der Berliner Philharmoniker wurde und nach dem Krieg eine große Solistenkarriere erlebte, lässt die Violine flüstern, singen, hauchen, klagen, exzessiv schreien. Farbspektrum und die Ausdrucksfülle dieses Ausnahmegeigers müssen nahezu grenzenlos gewesen sein. Dies lässt sich in der nunmehr vierten Folge der bei MDG erscheinenden Taschner-Reihe an so unterschiedlichen Werken wie den Violinkonzerten von Sibelius und Khatchaturian sowie an Sarasate nachempfinden. Taschners Interpretationen aus den fünfziger Jahren wirken auf CD auch nach einem halben Jahrhundert noch so lebendig und unmittelbar, dass man meint, man säße im Konzert. 1961 zog sich Taschner vom Konzertpodium zurück und widmete sich ganz seiner Berliner Professur. Er starb 1976, erst 54-jährig. (MDG 642 1508-2) EW





Am 29. Mai feierte Helmuth Rilling seinen 75 Geburtstag! Mit seiner Gächinger Kantorei wurde er zu einem der einflussreichsten Interpreten des 20. Jahrhunderts. Die hatte er 1954 als Studienanfänger gegründet, um sich der (damals) vergessenen Musik von Komponisten wie Schütz oder Buxtehude, aber auch der Neuen Musik zu widmen. Berühmt wurde er aber als Bach-Interpret: 1981 gründete er die Internationale Bachakademie Stuttgart, 1984 schloss er die erste Gesamteinspielung der Kantaten Bachs ab, 2000 die Einspielung von Bachs Gesamtwerk. Es folgten zahlreiche Preise und Ehrungen, u. a. eine Goldene Schallplatte 1994 (für eine Million verkaufte CDs) und ein Grammy 2001 für Pendereckis Credo. Herzlichen Glückwunsch!














Seit dreißig Jahren hat er keinen Mozart mehr gespielt – noch nie hat er ihn aufgenommen. Und mancher wird nach dem Anhören der CD zweifellos sagen: Hätte er das doch besser noch weitere dreißig Jahre gelassen. Denn Nigel Kennedy bürstet Mozart gewaltig gegen den Strich – so ähnlich könnte der Mozart des Amadeus-Films Geige gespielt haben. Albern kichernd über die elektronisch verfremdeten Klänge der Kadenzen. Dass Kennedy in dieser Aufnahme auf einen Dirigenten verzichtet, ist allerdings über jeden Kritikerzweifel erhaben – schließlich brauchte Mozart auch nie einen Dirigenten.










Jos van Immerseel

Als er ein Kind war, hörte Jos van Immerseel ein Konzert von Dave Brubeck. Nach dem Auftritt stellte er sich dem legendären Jazzpianisten forsch als Kollege vor. Wer denn sein Lieblingskomponist sei, fragte Brubeck. Immerseel rang sich verlegen einen Namen ab: Debussy! „Das ist der Vater aller Jazzer“, antwortete Brubeck. Und nachdem Immerseel diese Geschichte erzählt hat, gleitet er an den Erard-Flügel und spielt Brubeck – als Zugabe nach einem reinen Debussy-Programm. Eine verführerisch sanfte Art, unerhörte Harmonien zu spielen.
Klangfarben haben es dem flämischen Dirigenten und Pianisten besonders angetan. Seine Wohnung in Antwerpen gleicht einem Musikinstrumentenmuseum. Hier umgibt sich Jos van Immerseel bei konstant 21 Grad Raumtemperatur und 45 Prozent Luftfeuchtigkeit mit Tasteninstrumenten vom Clavichord bis zum Konzertflügel. Er hat den Flügel rekonstruieren lassen, den Mozart in seinen letzten Lebensjahren spielte, und interpretiert Schubert-Sonaten auf einem Wiener Hammerklavier: „Wir wissen, dass Schubert diesen Instrumententyp sehr liebte, obwohl er damals schon etwas altmodisch war.“ Immer ist Immerseel auf der Suche nach dem passenden Klang für die Werke, die er aufführt. Für seinen Debussy-Abend reist er mit zwei historischen Flügeln aus seiner Sammlung, um einen Eindruck davon zu vermitteln, wie Debussy geklungen haben könnte, bevor der Klang des Steinwayflügels zum Standard-Stahlgewitter avancierte. Zum intimen Erlebnis wird dabei vor allem die Begegnung mit dem piano demi-queue von Erard, einem Instrument der Salons. Sein leicht gesenkter, nostalgischer Tonfall lässt Debussys Kompositionen noch moderner erscheinen, noch abgründiger.
Ein Effekt, der Immerseel auch mit seiner spektakulären Ravel-Aufnahme gelingt, für die die Musiker seines Ensembles „Anima Eterna“ französische Saxophone und Bassons der Uraufführungszeit aufgetrieben haben. So packend hat man den Bolero noch nie gehört. Bei all seiner Recherche-Lust geraten Immerseels Interpretationen nie dogmatisch. Vielleicht, weil der Solist Immerseel stets die Überhand über den Forscher und Orchesterleiter Immerseel behält. Sein jüngster Coup: Die Wiederentdeckung Beethovens aus dem Geist des Wiener Orchesterklangs. Noch eine Sinfonien-Box, wo gerade von allen Seiten historisch aufgeklärte Beethoven-Neuaufnahmen auf den Markt drängen? Unbedingt! Existentieller als Immerseels Pastorale kann eine Landpartie nicht ausfallen. Man kehrt verstört heim – und erlebt das Glück eines langen Nachbebens.
Partituren 16


Mit 13 nahm sie für Warner Classics mit dem London Symphony Orchestra Paganini und andere Virtuosenstücke auf, dann verschwand die Teenie- „Wundergeigerin“ wieder aus der breiten Öffentlichkeit. Nun ist die Britin Chloë Hanslip 20 und bei Naxos gelandet. Dass die Zakhar-Bron- Schülerin noch immer virtuos und klangschön Geige spielen kann, beweist sie mit zwei veritablen Wiederentdeckungen: den süffigen-leichten und sehr wirkungsvollen Violinkonzerten des Franzosen Benjamin Godard (1849 – 1895). (Naxos 8.570554)


Das „beste Konzertprogramm der Saison 2007 / 08“ hat nach Meinung des Deutschen Musikverleger- Verbandes die Philharmonie Essen in ihrer vierten Saison geboten. Die Jury hebt vor allem den Spagat zwischen dem „klassisch-roman- tischen Konzertrepertoire“ einerseits und „der zeitgenössischen Musik und den weniger häufig gespielten Werken des 20. Jahrhunderts“ andererseits hervor. Durch Themenschwerpunkte und Porträtreihen werde dem Publikum der Zugang zur „unbekannten oder ungewohnten Musikliteratur erheblich erleichtert“. Intendant Michael Kaufmann wird stellvertretend am 21. Mai ausgezeichnet – im Rahmen eines Konzertes, bei dem bezeichnenderweise ein Mozart-Divertimento, ein Streichquartett von Pavel Haas und die Erstaufführung eines Auftragswerks von HK Gruber auf dem Programm stehen.


Matthias Goerne ist einer, der musikalisch auf seinem eigenen Kopf besteht. Nach Jahren als Exklusivkünstler eines großen Plattenlabels beginnt der gerade 40 gewordene Bariton nun bei harmonia mundi eine „Schubert-Edition“, die auf elf CDs einen breiten Querschnitt durchs Liedschaffen Franz Schuberts geben soll. Jede Folge wird unter einem Leitwort stehen, bei jeder wird Goerne von einem anderen Pianisten begleitet. Goernes Partnerin beim Auftakt „Sehnsucht“ war Elisabeth Leonskaja. (harmonia mundi HMD 901988)

Anne-Sophie Mutter (auf dem Bild rechts) ist die Preisträgerin des Ernst von Siemens-Musikpreises 2008, der mit 200.000 Euro dotiert ist und Ende April in München verliehen wurde. Die Jury würdigt besonders den unermüdlichen Einsatz der Geigerin für zeitgenössische Musik und ihr soziales Engagement. Durch Stiftungen fördert sie den musikalischen Nachwuchs, soziale Projekte unterstützt sie immer wieder mit Benefi zkonzerten. Mit „nur“ 100.000 Dollar (64.000 Euro) ist der amerikanische Michael Ludwig Nemmers Kompositionspreis dotiert, den die fi nnische Komponistin Kaja Saariaho erhält. Und um 25.000 Schweizer Franken (ca. 16.000 Euro) reicher ist die Cellistin Sol Gabetta, weil sie den Aargauer Musikpreis gewonnen hat.
Norbert Burgmüller wurde nur 26 Jahre alt, doch er hinter- ließ ein hochinteressantes OEuvre inklusive zwei Sym- phonien und einem originellen Klavierkonzert. Das Ehepaar Schumann, Mendelssohn Bartholdy und Brahms gehörten zu den Bewunderern des 1810 geborenen Düsseldorfer Komponisten. Eine Gruppe von Verehrern um den Pianisten Tobias Koch hat nun die Norbert-Burgmüller-Gesellschaft aus der Taufe gehoben, die sich die Erforschung, Förderung und Verbreitung des Burgmüller’schen Werkes zur Aufgabe gestellt hat. Geplant ist u. a. die Notenedition sämtlicher Werke Burgmüllers Die Internet- Seite ist eine Fundgrube für Informationen zu Burgmüller: www.burgmueller.de
Nur noch ca. 800.000 Euro (1,3 Millionen Dollar) musste eine anonyme Käuferin beim Auktionshaus Christie‘s für eine Stradivari-Violine aus dem Jahre 1700 bezahlen. 2006 war ein Instrument aus dem Jahre 1707, die „Hammer“-Stradivari, noch für 3,5 Millionen Dollar (damals 2,75 Mill. Euro) unter den Hammer gekommen. Instrumente aus Stradivaris Werkstatt besitzen u. a. André Rieu, Viktoria Mullova, Joshua Bell, Gil Shaham und Itzhak Perlman. Anne-Sophie Mutter und Salvatore Accardo haben gleich zwei davon, während das Instrument Eugène Ysaÿes (vermisst seit 1908) ebenso gestohlen wurde wie das von David Oistrach (1996 entwendet).
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